An die Wand gespielt

Sie war der Schwarm der jungen Nerds und Linken und glänzte - in Nebenrollen. Das Dilemma an der Karriere von Winona Ryder blieb aber: In Hauptrollen schlägt sie nicht durch. Was als ihr größter Triumph gedacht war, geriet so zu ihrer größten Demütigung.

Die Karriere von WInona Ryder begann mit Nebenrollen, in denen sie gestandene Stars an die Wand spielte - etwa als Grufti-Teenie in Beetlejuice. Auch Dennis Quaid wurde zu ihrem Opfer. Und das, obwohl Quaid die Rolle des Jerry Lee Lewis herrlich überdreht anlegte. Doch als Cousine zweiten Grades macht Ryder den Film zu einer Emanzipationsstück, weil nicht mehr der Rocker interessiert, sondern dessen minderjährige Ehefrau. Über den Skandal zerbrach die Karriere Lewis tatsächlich. Doch der Zuschauer bangt in dem Film nicht mit dem fallenden Star, sondern mit dem Teenie, der das Geschehen tapfer durchsteht und daran wächst.

Noch krasser fiel das An-die-Wand-gespielt-werden für Cher aus. Der Film Mermaids war ihr auf den Leib geschnitten: Eine alleinstehende Mutter zweier Töchter zieht in den 60er Jahren von Job zu Job durch die USA, weil sie mit ihrem Lebensstil überall aneckt - und dazu singt sie auch noch den Filmsong. Doch "Meerjungfrauen küssen besser" wurde nicht zum verlängerten Cher-Video. Das lag an Winona Ryder.

Sie spielte eine pupertierende Frömmlerin so, dass sie gleichermaßen sympathisch wie überdreht wie glaubwürdig wirkte. Ryders Minenstil allein war den Besuch von Mermaids wert. Wie sie ausbüxt, weil sie glaubt, vom Küssen schwanger geworden zu sein... traumhaft. Das entscheidende Duell zwischen Cher und Ryder: Eine Aussprache zwischen Mutter und Tochter, bei der nur die Mutter spricht. Doch die Jüngere beherrscht allein mit ihrem Gesicht die Szene.

Es war 1990 und alle warteten nun auf das Ryder-Jahrzehnt. Es kam noch zu einigen Höhepunkten: Night on Earth von Jim Jarnusch, Zeit der Unschuld oder Das Geisterhaus - alles Nebenrollen, wie gehabt.

Dann folgten die Hauptrollen - und die Flops. 1992 spielte Ryder an der Seite von Gary Oldman in Dracula. Das Werk war oppulent, sollte sinnlich sein und wurde mit der vollen Werbeunterstützung in die Kinos gebracht. Doch die Optik blieb zu antiseptisch, um erotisch zu sein. Und die Handlung? Na ja, Dracula. Hatte man alles schon mal gesehen.

1994 kam dann Reality Bites. Der Film versuchte, zum Kult für die Grungegeneration und die Jungkarrieristen gleichzeitig zu werden - Breakfest Club und St. Elmos Fire der 90er. Am Ende ging's um eine junge Frau zwischen zwei Männern. Joh, kann man mal versuchen. Aber epomachend geht anders.

Ryders Karriere geriet ins Trudeln. Filme wie Hexenjagd oder Run Off floppten. Außerdem entwickelte die Jungmimin einen Hang zu Kunstfilmen wie Ein amerikanischer Quilt. Wahrscheinlich das Langweilste, das je nach einer Langnese-Werbung gezeigt wurde. Abseits des Sets sorgte Ryder mit Skandalen für Schlagzeilen, etwa als sie vor der Kamera einer Boutique Accesoires mitgehen ließ. Nur einmal glänzte sie - in Alien, die Wiedergeburt - einer Nebenrolle.

Dann kam der Film, der zum Höhepunkt ihrer Karriere werden sollte. Über Jahre hatte Ryder nach Produzenten gesucht, die den Stoff für "Girl, Interrupted" umsetzen: die Lebensgeschichte einer Borderlinerin, die in den späten 60ern in die Psychiatrie musste. Damit es letztlich mit Durchgeknallt klappte, gab sie einen Millionenbetrag aus ihrem Privatvermögen dazu.

Ryders großer Film... wurde zum Durchbruch für Angelina Jolie, der Nebendarstellerin. Jolie gab die Geisteskranke sympathisch, faszinierend und erst am Ende bemitleidenswert. Dafür erhielt sie zurecht einen Academy-Award. Und Ryder? An die Wand gespielt. Sie hatte zwar eine große Szene, in der sie in einer Art Monolog eine Predigt über die verheerenden Folgen der Psychiatrie hält. Aber nicht im Film, die Schlüsselszene schaffte es nur in die Extras der DVD.

Danach rutschte Ryder ab und drehte lang Zeit nur Mist: Zoolander oder die Sandler-Dutzend-Ware Mr. Deeds. Ganz schlimm auch "Es begann im September" mit Richard Gere. Ein Love-Story-Aufguss ohne dessen Tiefe und dafür mit viel mehr Schmalz - ja, das geht. Leider.

Die jungen Linken und Nerds, die der Ryder einst zu Füßen lagen, sind heute groß und unter vielem anderem Filmemacher. Das beschert ihr einige attraktive Rollen, etwa in dem von der Academy ausgezeichten Black Swan - in einer Nebenrolle. Natürlich.