Alltägliches im Wahnsinn

Den Holocaust aus der Perspektive eines Betroffenen schildert Victor Klemperer in seinen Tagebüchern. Sie sind ein seltenes Dokument des Alltäglichen im Wahnsinn des Nationalsozialismus. Ihre Lektüre unterläuft so manche Geschichtsverklärung.

Der Krieg war doch schon vorbei. Die Bombenangriffe auf deutsche Städte waren gar nicht mehr notwendig. So lauten Aussagen von Zeitzeugen, wie sie in den Sendungen von Guido Knopp unverzichtbar geworden sind. Nur: Die Bombenangriffe waren schlimm, ihre Folgen traurig und über die militärische Notwendigkeit kann man streiten. Vorbei war der Krieg aber bei Weitem nicht – ebenso wenig wie der Holocaust.

Vom 13. bis zum 15. Februar 1945 bombardierten die Alliierten Dresden. Der letzte Eintrag Klemperers vor diesem Inferno beschäftigt sich mit einer Zwangsaufgabe, die ihm die Stadtverwaltung aufgetragen hatte: Klemperer musste Briefe zustellen, in denen die verbliebenen Juden Dresdens zur Sammlung aufgerufen wurden. Klemperer wusste, was dies bedeutet: „Konzentrationslager und Todesurteil“. In der Bombardierung kam ein Großteil der Dresdener Juden um. Die Deportation unterblieb. Manchen gelang die Rettung, darunter Victor Klemperer und seine Frau Eva. Ähnlich war es übrigens in Mainz, das am 27. Februar 1945 bombardiert wurde. Der Tag, an dem sich eigentlich dort die letzten Juden sammeln sollten.

Klemperer machte sich keine Illusionen über die Konzentrationslager: Wie es dort zugeht, konnte er sich nicht ausmalen. Was dort vorgeht, wusste er sehr genau. Und damit räumen die Tagebücher auch mit der Ausrede auf, die Bevölkerung habe von den Morden an die Juden ja nichts gewusst, gar nichts wissen können. Klemperer registriert die Schicksale anderer Juden sehr genau und erkennt die Mechanismen präzise. Und das obwohl Juden als Schikane das Abonnieren von Zeitungen in den letzten Jahren des „Dritten Reichs“ ebenso verboten war wie der Besitz eines Radios.

Über das allgemein Historische hinaus bieten Tagebücher immer das Schicksal eines einzelnen. Im Beispiel Victor Klemperer ist es das eines zum evangelischen Glauben übergetretenen Juden, der mit einer „arischen“ Frau verheiratet ist. An der Dresdener TH ist er Professor für Literatur. Der Leser lernt ihn kurz vor der „Machtergreifung“ kennen, erlebt mit Klemperer die ersten Tage des Regimes, die Hoffnungen auf dessen baldigen Sturz und die Enttäuschungen.

Die große Stärke der Tagebücher Viktor Klemperers liegt in dem Miterleben, wie aus Judenhass Judenverfolgung und letztlich der Holocaust wurde. Der Leser erfährt wie erst gegen die derart Ausgeschlossenen gemoppt wird, die Studenten Klemperers Lesungen und Seminare meiden, bis der Professor schließlich aus dem Dienst verdrängt wird. Wie seine Rente unbotmäßig beschnitten wird, während ihm finanzielle Auflagen künstlich geschaffen werden. Dann werden die alltäglichen Rechte und Möglichkeiten eingeschränkt: der Kinobesuch, die Bücherleihe oder das Fahren auf der Straße. Schließlich beginnen die Deportationen der Dresdner Juden – erst vereinzelt und 1942 dann im großen Stil.

Das Jahr 1942, das Jahr nach der Wannsee-Konferenz stellt den dicksten der acht Bände dar. Den verbliebenen Juden wird das Leben mit Hausdurchsuchungen samt gewalttätigen und entwürdigenden Übergriffen vergällt. Die Betroffenen sind froh, wenn sie „nur Theaterohrfeigen“ kassieren, statt brutal zusammengeschlagen zu werden. „Nur bespuckt“ werden statt inhaftiert. Über die Bände weg fällt auf, wie viel Phantasie Menschen in Deutschland aufgebracht haben, um Juden zu schikanieren und zu entwürdigen – und wie viele daran beteiligt waren, ohne gezwungen zu sein.

Es verblüfft, dass die Tagebücher den Leser in gespannter Erwartung fesseln, obwohl er weiß, wie sie ausgehen. Die Tagebücher reichen bis Juni 1945, Klemperer muss den Holocaust folglich überlebt haben. Und trotz dieses Vorwissens zittert der Leser mit. Einfach weil die Frage mitreißt: Wie konnte Klemperer das überleben? Juden ohne „arischen“ Ehepartner werden 1942 deportiert und Juden in Mischehe unter fadenscheinigen Gründen verhaftet und bald als tot gemeldet. Als Gründe schiebt die braune Verwaltung am häufigsten „Selbstmord“ vor. Zudem binden die vielen vergleichsweise kleinen Dramen den Leser. Das Schicksal der Hauskatze etwa oder die Qualen der körperlichen Zwangsarbeit für den Intellektuellen im Seniorenalter.

Klemperer ist ein guter Beobachter dieser Zeit. Er notiert die Solidaritätsbekundungen ebenso zeigt er, wie sich das Gift des Systems in die „einfachen Bürger“ schleicht – wie letztlich sogar die Juden selbst die Propagandalügen verinnerlichen. Wie es die kleinen Gesten der Demütigung sind, die den Terror ausmachen. Und wie dieser Terror die Beziehung der Menschen untereinander beeinflusst. Er stützt sich dabei auf das Metier, das er beherrscht: die Sprache. Dabei zeigt Klemperer, wie die Sucht nach Superlativen die Sprache tötet. Wie unverfroren morgen das Gegenteil von dem wahr ist, was heute wahr ist. Für den Autor bedeutete dies Lebensgefahr. Fallen die Notizen in die Hand der Nazis, wäre Klemperer wegen Defätismus hingerichtet worden.

Der Terror des Nationalsozialismus bleibt unbegreiflich für Nachgeborene. Aber das Lesen der Tagebücher von Victor Klemperer ist ein Mitfühlen des Leids – kein Begreifen. Das bleibt unmöglich.

Die Tagebücher von Victor Klemperer sind im Aufbau-Verlag in acht Bänden erschienen. Über Amazon sind sie wie folgt erhältlich: Tagebücher im Aufbau-Verlag