Tore gegen Hitler

Matthias Sindelar war in den 20er und 30er Jahren Österreichs bester Fußballer. Die Leichtigkeit seines Spiels brachte ihm den Spitznamen „der Papierene“ ein. Noch heute feiert die Alpennation ihn als den größten Fußballer des 20. Jahrhunderts. Auch weil er mit seinem Abschied ein Zeichen gegen den „Anschluss“ durch das nationalsozialistische Deutschland setzte.

Vor der Weltmeisterschaft 1938 in Frankreich gab es zwei Favoriten: das österreichische „Wunderteam“ galt ebenso als Favorit wie die deutsche „Breslau Elf“. Doch die Politik funkte dazwischen. Nachdem Nazi-Deutschland im März 38 Österreich ans Reich „anschloss“, war ein gemeinsames Team der Wille des Regimes, folglich musste Reichstrainer Sepp Herberger eine gemeinsame Elf aufstellen. Fünf Deutsche und sechs Österreicher mussten es sein - oder umgekehrt. Das war der persönliche Wunsch Adolf Hitlers.

Am 3. April 1938 kam es in Wien zum legendärsten aller Spiele der beiden Nachbarn: dem "Anschlussspiel" – „Deutsches Reich“ gegen die „Ostmark“. Es war ein Politikum. Ein Unentschieden, so die Vorstellung der sportlichen Führer, sollte die Harmonie des neuen Großreichs ausdrücken. Doch es kam anders, dank ihm: Matthias Sindelar. Der Kapitän führte sein Team zu einem 2:0-Sieg, obwohl mancher Mitspieler zuerst vor zu forschem Auftritt zurück schreckten. Das 1:0 schoss Sindelar selber.

Es war das letzte Länderspiel des damals 35-Jährigen. Danach trat er zurück, „um Jüngeren Platz zu machen“, wie er sagte. Doch seinen Fans war ebenso wie den neuen Führern klar: Seine Gründe waren politische. Sindelar wollte nicht für das Nazireich antreten, das der Austria-Patriot ablehnte. So wehrte sich Sindelar gegen den staatlich verordneten Hass auf Juden. Die neuen Chefs verboten den Spielern zum Beispiel, den Kontakt zu jüdischen Funktionären aufrecht zu erhalten, die vor dem „Anschluss“ viele Positionen im österreichischen Fußball einnahmen.

Typisch ist eine Anekdote, die von Sindelar überliefert ist. Der Papierene traf den jüdischen Ex-Präsident von Austria Wien, Dr. Michl Schwarz auf der Straße. Um den Fußballer und sich selbst zu schützen, wechselte Schwarz freiwillig die Straßenseite. Doch Sindelar rief ihm demonstrativ laut hinterher: "I wird net wegschauen. I net. I wird ihnen immer grüuassen, Herr Doktor!"

Sindelar spielte von 1918 bis 1923 für Hertha Wien, danach für Austria. In 700 Spielen schoss er für seine Vereine über 600 Tore. Für die Nationalelf traf er in 43 Partien 27 Mal - das „Anschlussspiel“ nicht eingerechnet. Aus heutiger Sicht könnte man Sindelars Position, die des „Mittelstürmer“, eher mit der von Mesut Özil vergleichen als mit der von Miroslav Klose: ein torgefährlicher, offensiver Mittelfeldspieler. Seinen Spitznamen der Papierene erhielt er zum einen wegen seines schmächtigen Körpers und zum anderen wegen seiner eleganten, körperlosen Spielweise. Bei einem Vergleich der weltweit besten Spieler aller Zeiten kam Sindelar auf Platz 22.

Anders als in Deutschland waren Österreichs Fußballer damals schon Profis. Sindelar wurde zu einem wohlhabenden Mann. Im Arbeiter-Stadtteil Favoriten betrieb er ein gut gehendes Café und warb für Uhren und Anzüge. Am Morgen des 3. Januar 1939 wird Sindelar tot aufgefunden, nackt im Bett der Wirtin Camilla Castagnola. Die offizielle Version lautete: Sindelar ist an ausströmendem Gas der defekten Heizung erstickt. Zweifel sind jedoch erlaubt: Die Wiener Polizei ermittelte nur oberflächlich, zum Ende des Krieges verschwanden die Akten. Gerüchte um einen politischen Mord erzählen sich die Wiener noch heute.

Die Weltmeisterschaft in Frankreich wurde für das großdeutsche Team zum größten Flop der deutschen Fußballgeschichte: Die Elf von Herberger schied in der ersten Runde aus - gegen die Schweiz. Der Grund: Die Spielweisen der Österreicher und Deutschen im Team passten nicht zusammen.