Die Kniffe der JK Rowling

Das personifizierte Böse besiegen. Den, der unsterblich ist. Der über ein Heer von schwarzen Magiern, Werwölfen, Riesen und Untoten herrscht. Mit dieser Aufgabe vor der Brust sitzt Harry Potter in seinem Zimmer. Zwei Wunden hat er sich in diesem Kampf bereits zugezogen – eine beim Aufräumen seines Kessels, die andere beim Tee-Holen.  Woraus wir lernen: JK Rowling ist eine begnadete Erzählerin. Und die größten Gefahren lauern immer noch im Haushalt.

Es sind Pointen wie diese, die den Reiz der Harry-Potter-Reihe ausmachen. JK Rowling mag kein Sprachgenie sein und ganz sicher hat sie sich vieler Legenden und klassischer Erzählmuster bedient, kennen geschulte Augen manche Storylines aus Werken wie Herr der Ringe oder Star Wars. Doch im Aufbau ihrer Geschichten, in der Spannungsführung und der Dreidimensionalität der Figuren macht Rowling in der Literatenwelt kaum jemand was vor.

Jede Nebenfigur führt ein Eigenleben. Nehmen wir Parvati Patil. Hochgerechnet kommt Harrys Mitschülerin in allen sieben Bänden vielleicht mit 20 sicher nicht mit viel mehr als100 Sätzen vor. Und doch zeichnet Rowling Parvati so genau, dass der Leser in jeder Situation weiß, wie das erste Date Harrys reagieren wird.

Auch die Spannungsbögen Rowlings sind legendär: Wer ist RAB? Auf welcher Seite steht Snape tatsächlich? Und vor allem: Überlebt Harry? Fragen wie diese haben in den zwei Jahren zwischen dem Erscheinen des vorletzten und letzten Bandes die Fans schier in Verzweiflung getrieben. Es wäre eine Lebensaufgabe, alle Threads weltweit auflisten zu wollen, die sich mit diesen Fragen ausgiebig beschäftigt haben.

Ebenso brilliert Rowling in einer Königsdisziplin des Krimigenres: wichtige Informationen so vergeben, dass der Leser sie originär nicht wahrnimmt. So werden die Verschwindekabinetts im Orden des Phoenix auf dem Höhepunkt der Tyrannei der Dolores Umbridge erwähnt. Fred und George schubsen einen Streber hinein – eine nette Pointe am Rand. Im folgenden Band Halbblutprinz spielen diese Kabinetts eine traurige Rolle. Über sie finden die Totesser Zugang nach Hogwarts.

Rowling versteht es, gleichzeitig eine ruhige Passage zu schaffen und wichtige Informationen zu verteilen. Der Leser sitzt mit an der Weihnachtstafel in Der Gefangene von Askaban. Er kann so den Lesegenuss des Einfühlens in eine Situation erleben. En Passant erfährt er vom Raum der Wünsche, der in drei späteren Bänden eine entscheidende Rolle spielen wird und von Dumbledores Familiengeschichten, die in der Schlussauflösung unverzichtbar sein wird.

Auch die beiden Haushaltsunfälle erzählt Rowling nicht, ohne Bedeutung damit zu verbinden: Das Teeservice, in das Harry tritt, hat sein Cousin, der widerliche Dudley dorthin gestellt. Diese Geste leitet dessen Charakterwandel in einen gereiften, verständnisvollen Menschen ein. Und die Scherbe im Kessel erweist sich als Kommunikationsweg, den Harry im Moment der höchsten Not nutzen kann, um Hilfe zu holen.