Der Anti-Grass

Christian Kracht erzählt in „Imperium“ die Geschichte von August Engelhardt, der in den letzten Jahren des Kaiserreichs in der deutschen Kolonie auf Guinea einen neuen Lebensstil begründen wollte: Sich nackt bewegen und sich allein von Kokosnüssen ernähren. Der Spiegel unterstellte ihm deswegen rechte Tendenzen.

 

Adolf Hitler kam Anfang der 30er aus dem Nichts, ergriff die Macht, der Reichstag brannte und dann blieb der überwältigenden Mehrheit, die Hitler ablehnte, nur noch übrig in die innere Emigration zu gehen. Was um sie rum passierte, bekamen sie folglich nicht mit. Und irgendwann brach dann noch ein Krieg aus, weil die Engländer Dresden bombardierten und die Russen ein Flüchtlingsschiff mutwillig versenkten. So sieht ein Geschichtsbild aus, das sich aus dem Konsum von Guido Knopps SS-„Zeitzeugen“ zusammensetzt.

Aber auch in der seriösen Darstellung der deutschen Geschichte bis 1945 wird mit Mystifizierung und sattsam eingeübten Floskeln gearbeitet. Wer gegen diese ungeschriebene Regel verstößt, dem drohen zwei Arten von Sanktionen: Entweder wird einem solchen Autor vorgeworfen, er habe jemand in die rechte Ecke gestellt – oder er wird selbst in die rechte Ecke gestellt.

So jetzt wieder geschehen, als Christian Kracht seinen neuen Roman „Imperium“ vorstellte. Georg Diez attestierte ihm auf Spiegel-Online: „Nähe des Autors zu rechtem Gedankengut“, „antimodernes, demokratiefeindliches , totalitäres Denken“ und Kracht sei „Türsteher der rechten Gedanken“. Jetzt könnte man das abtun: Krachts Vater war lange Jahre Generalbevollmächtigter beim Axel-Springer-Konzern und die beiden deutschen Meinungsriesen Springer und Spiegel lassen kaum eine Gelegenheit aus, sich gegenseitig ans Bein zu pissen.

Doch im deutschen Kulturbetrieb spielt Kracht schon länger die Rolle der Reizfigur. Warum? Das deutsche Feuilleton ist auf Autoren wie Günter Grass eingestellt: brässig, langatmig, verquatscht und ironiefrei. Und wenn mal Ironie vorkommt, muss sie ein Schild vor sich hertragen, damit auch noch der letzte, verbitterte Dorflehrer erkennt: Das ist Ironie – ach ist das ironisch – schon lustig – ja, unser Günter kann auch Ironie – und malen tut er ja auch noch. Außerdem müssen Autoren wie Grass permanent eine Moral zur Hand haben, die einfach sein und wiederholt werden muss. Denn letztlich ist nun mal der verbitterte Dorflehrer der Abnehmer. Wie aufrichtig das ist, beweist nichts besser als die Biographie von Herrn Grass.

Christian Kracht ist der Anti-Grass: Schnell, weltläufig, humorvoll und eine Moral muss sich der Leser schon selber suchen. Damit wäre „Imperium“ auch schon bewertet.

Der Plot: August Engelhardt reist in den späten Jahren des Kaiserreichs auf die deutsche Kolonie im heutigen Neuguinea aus. Dort will er Kokosnüsse ernten, die er für die göttliche Frucht hält und von der er sich ausschließlich ernähren will. Diese Idee will er zum Kult machen und die Menschen dazu bewegen, so wie er zu leben: Ausschließlich Kokosnüsse essen und sich nackt bewegen. Die Idee scheitert.

Kracht flechtet Auftritte von historischen Figuren wie Albert Einstein, Franz Kafka oder Thomas Mann in die Handlung ein. Seine Erzählhaltung ist parodierend. Kracht ironisiert die Ideen und Ströme, für die jene erwähnten Figuren stehen. So erzählt er die Anekdote von Govindarajan. Mit dem Inder will Engelhardt ein von buddhistischer Philosophie geprägtes Lehrer-Schüler-Verhältnis eingehen. Erinnert an Hermann Hesse? In der Tat, als „schwäbischer Schriftsteller“ taucht dieser auch im Kontext der Anekdote auf. Bei Kracht endet sie damit, dass Govindarajan Engelhardt in eine Höhle führt, ihn dort alleine lässt, um zurück ins Hotel zu gehen und ihm sein Barvermögen zu stehlen.

Das Leben in der Kolonie beschreibt Kracht zwar ironisierend aber durchaus realistisch: melancholische Gouverneure, im Reich gescheiterte Existenzen, die ein zweites Glück versuchen, Grausamkeiten gegen die Einheimischen wie Polizeiterror und Prügelstrafen oder die entnervende Wirkung der feindlichen Natur im Urwald.

Engelhardt ist an eine historische Vorlage angelehnt. Die Gesundheitsbewegung kam in den USA schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf und spielte in der zweiten Hälfte auch in Europa eine wichtige Rolle. Ihre Anhänger glaubten in unterschiedlichen Nuancen an den Verzicht auf Alkohol und Tabak, an Vegetarismus, meditative Lebensführung und einen Ausbruch aus den kapitalistischen und bürgerlichen Lebensgewohnheiten.

In „Imperium“ steht Engelhardt pars pro toto für die Gesundheitsbewegung. Kracht lässt durchaus ihre Motive erkennen, zeigt aber noch deutlicher, wie diese zum Scheitern verurteilt ist. Zu sensibel, zu wenig lebenstauglich, zu ichorientiert sind die Protagonisten, um ihre Ansätze in ein tragbares Konzept umsetzen zu können. Sie sind zum Scheitern verurteilt und werden von der Gesellschaft des späten Kaiserreichs bestenfalls verlacht.

Spätes Kaiserreich, ein gescheiterter Einzelgänger mit wirren Ideen? Stimmt, das erinnert an wen. Und wer Engelhardt Scheitern erlebt, versteht umso weniger, wie ein Hitler es bis zum Reichskanzler- und präsidenten bringen konnte. Kracht behandelt diese Frage, lässt sie dabei aber offen. Antworten überlässt er Grass.

Kracht zeigt lediglich Mechanismen auf: So rutscht Engelhardt nach Jahren der Einsamkeit auf einer Insel in Antisemitismus ab. An seinem Scheitern sind „die Juden“ schuld – obwohl er seit Jahren keinen getroffen hat. Dass der Antisemitismus eine Sündenbockfunktion für Gescheiterte wahrnimmt, wird selten so deutlich wie in der Metapher eines einsamen Inselgängers, der mit den tatsächlichen jüdischen Menschen gar nichts mehr zu tun hat.

Für Hitler findet Kracht für seine Verhältnisse ungewohnt deutlich moralische Worte wie „viehische Unerträglichkeit“. Er muss den Vorwurf des rechten Gedankenguts erwartet haben. Verhindern konnte er ihn nicht. Diez unterstellte ihm trotzdem eine „rassistische Weltsicht“, weil es in dem Roman „noch Herren und Diener, Weiße und Schwarze“ gibt. Wir werden den Roman von Herrn Diez abwarten müssen, in dem eine Kolonie des Jahres 1910 beschrieben wird, in der es keine Herren und Diener gibt.

Jetzt wird Kracht diese Angriffe überleben. Ärgerlich sind sie trotzdem. Denn es ist nicht notwendig, in Deutschland versteckte Nazis zu suchen – überreichlich gibt es solche, die sich nicht verstecken. Und wenn, dann um aus diesem Versteck heraus morden zu können. Vor diesem Hintergrund wirken die Angriffe von Georg Diez nahezu lächerlich.