Ohren, Schnaps und Pulverdampf

Wenn der Krieg nicht so schrecklich wäre, müsste man über ihn lachen – und weil man gerade über die schlimmsten Dinge lachen sollte, lassen wir die Geschichte ein wenig aus ihrem Nähkästchen plaudern und erzählen die besten Anekdoten von Schlachtfeldern.

Eine kleine Vorbemerkung: Alle diese Geschichten fanden außerhalb der Heimat der Beteiligten statt. Ob Schullandheim oder Strafexpedition, wenn man mit einer Gruppe Kameraden in die Ferne zieht, bleibt der Ernst auf der Strecke.

1788 besiegte sich eine österreichische Armee selbst, als Wien wieder Krieg gegen das Osmanische Reich führte. Beide Seiten hatten sich auf den Balkan als Kriegsschauplatz verständigt, der für alle Beteiligten gut zu erreichen war. Bei Caransebes im heutigen Rumänien begegnete eine Patrouille österreichischer Husaren eines Abends fahrenden Händlern mit einer Wagenladung Schnaps, die sie sehr viel einladender fanden als den Krieg. Sie waren gerade dabei, sich ernsthaft und gründlich volllaufen zu lassen, als eine weitere österreichische Einheit vorbeimarschierte und an dem Gelage teilnehmen wollte. Getrieben vom Mangel an Korpsgeist und einem Überfluss an geistigen Getränken lehnten die Husaren es ab, mit den niederen Fußsoldaten zu teilen. In der folgenden Schlägerei bewiesen die volltrunkenen Soldaten gute Disziplin und begannen, Feldbefestigungen um ihre Schnapsfässer zu errichten. Im Handgemenge löste sich sein Schuss und urplötzlich waren beide Seiten überzeugt, dass die Türken in der Nähe seien und ergriffen heldenhaft – und wahrscheinlich schlingernd – die Flucht. Die zurück galoppierenden Husaren wurden von ihren Kameraden ebenfalls für Türken gehalten und beschossen. Als der Pulverdampf sich verzog, befand sich die gesamte österreichische Armee im Rückzug.

Beweis-Ohr

Ebenfalls im achtzehnten Jahrhundert befanden sich Großbritannien und Spanien in einem kalten Krieg in der Karibik, der in drei Jahren heißen Krieges mündete. Beide Seiten hatten die andere misstrauisch beäugt und auf den Funken gewartet, der das Pulverfass entzünden würde. Die Geschichte traf eine eigenwillige Entscheidung, sodass kein feuriger Redner oder angemessen wahnsinniger Fanatiker 1738 vor dem britischen Parlament stand, sondern der Handelskapitän Robert Jenkins. Was ihm an Gravitas fehlte, konnte er  leicht an Dramatik wettmachen und schwenkte wutentbrannt sein in Alkohol eingelegtes, abgetrenntes Ohr. Da er kein niederländischer Künstler war, glaubte man ihm sofort, dass es ihm sieben Jahre zuvor von der spanischen Küstenwache bei einer illegalen Durchsuchung abgeschnitten worden war. (Es ist leider nicht überliefert, was Mrs Jenkins davon hielt, dass ihr Mann sein Ohr sieben Jahre lang wie ein Gewürzgürkchen aufbewahrt hatte.)

Nach dem alttestamentarischen Grundsatz „Auge um Auge, Ohr um Ohr“ kam es einige Monate später zum Krieg, der nach drei Jahren ohne Ergebnis endete – Captain Jenkins' Ohr konnte nicht mehr gerettet werden.

1898 beschlossen die Vereinigten Staaten dann, dass sie den nach Unabhängigkeit strebenden spanischen Kolonien in der Karibik und im Pazifik helfen sollten. Die spanische Regierung sah das nicht ein und erklärte den USA den Krieg. Während in dreizehn verschiedenen Zeitzonen Kämpfe tobten, lief ein amerikanischer Kreuzer in den Hafen von Guam ein und beschoss das Fort der strategisch hochwichtigen Insel. Statt Kanonenfeuer wurden die Amerikaner von zwei spanischen Offizieren begrüßt, die sich für den respektvollen Salut bedankten. Sie mussten zu ihrem Bedauern eingestehen, dass sie den Salut nicht erwidern könnten und wollten die Besucher um ein wenig Schießpulver bitten.

Mit Verlaub wir haben Krieg

In einem der wohl unangenehmsten Gespräche der Militärgeschichte informierte der amerikanische Kapitän seine Kollegen, dass seit zwei Monaten Krieg zwischen ihren beiden Heimatländern herrschte und er deshalb ihrer Bitte nicht nachkommen könnte. Allerdings konnten alle Beteiligten ihre Ohren behalten.

Was kann uns die Geschichte mit diesen Anekdoten lehren? Wo liegt der tiefere Sinn? Die Antwort liefert Edwin Starr im seinem Lied: „War! Hoo! What is it good for? Absolutely nothing!“ Captain Jenkins hätte vielleicht auf ihn hören sollen.