Propagandalüge nachgezeichnet

Der Bücherfreund Umberto Eco demonstriert in „Der Friedhof in Prag“ seine Erzählkunst. Er schlägt den Bogen von den Aufständen Garibaldis bis zum Bau der Metro. Dabei funktioniert der Roman obwohl – oder gerade weil – Eco gegen eine eherne Regel der Erzählkunst verstößt.

Die zentralen Figuren von Dallas waren Bobby und Pamela. Ihr Romeo-und-Julia-Konflikt trug die ersten beiden Staffeln, die beiden waren die Ersten, die überhaupt im Bild zu sehen waren und sie waren die Netten und Einfachen, mit denen sich das biedere Durchschnitts-Publikum identifizieren konnte. In Erinnerung aus Dallas blieb aber JR Ewing. Der Intrigant mit dem markanten fiesen Grinsen war einfach unterhaltsamer als die vorausseh- und verwechselbaren Pom und Babby. Doch ohne das biedere Paar hätte selbst ein JR nicht funktioniert: Das Publikum braucht Sympathieträger, um bei der Stange zu bleiben – eherne Erzählregel.

Umberto Eco weicht in „Der Friedhof in Prag“ von dieser ehernen Erzählregel ab. Der Roman ist als Tagebuch-Roman angelegt und stellt den Held somit klar in den Mittelpunkt. Dieser Simonini ist aber ein Intrigant, Fälscher und Mörder, der von Hass zerfressen ist und am Leben keine andere Freude als dekadentes Schlemmen hat. Der Leser findet also erst mal nichts, was er sympathisch finden könnte.

So beginnt „Der Friedhof in Prag“ entsprechend spröde und es dauert, sich Gefallen an der Erzählung zu erarbeiten. Dann greifen aber die Stärken Ecos: anregende Vermischung von Fiktion und Geschichte, verstörendes Detailwissen und große Erzählkunst. Dabei schlägt Eco den ganz großen Erzählbogen von der Revolution Garibaldis über die Tage der Pariser Kommune bis zum Beginn des Metrobaus.

Simonini ist ein Turiner Notar, der sich in Paris als Fälscher und Spion verdingt. Von seinem Großvater hat er den Hass gegen die Juden gelernt. Zu seinem Lebenswerk wird der Bericht über das Treffen auf dem Friedhof in Prag. Aus verschiedenen Romanen und Mythen leitet er die Idee einer geheimen Regierung der Juden ab, die sich auf diesem Friedhof treffen, um eine Verschwörung zu planen, die das Erobern der Weltherrschaft organisieren soll.

Mit der Zeit macht es eine Art von Spaß zu lesen, wie Simonini seine Intrigen einleitet und durchzieht und wie er seinen Bericht vom Friedhof an die jeweiligen Zielgruppen anpasst: Für Studenten schreibt er hinein, die Juden wollten die Freiheitsrechte beschneiden, für Kommunisten, sie wollten sich die Herrschaft über Banken und Börsen sichern. So gelingt es Simonini, die wahre Herkunft der Legende zu verschleiern und gleichzeitig das Interesse an ihr hoch zu halten.

Simonini ist eine fiktive Figur, sein Großvater und fast sämtliche andere historischen Figuren des Romans beruhen aber auf Vorlagen, die tatsächlich so gelebt und gewirkt haben, wie im Buch dargestellt. Hinter der Legende vom „Friedhof in Prag“ stecken die „Protokolle der Weisen von Zion“, einer antisemitischen Hetzschrift, die vom 19. Jahrhundert an den Hass gegen die Juden in Europa angestachelt hat und die etwa von Adolf Hitler in „Mein Kampf“ zitiert wird. Unter anderem die London Times hat bereits in den 1920er Jahren nachgewiesen, dass es sich bei den „Protokollen“ um eine Fälschung handelt.

Neben der literarischen Finesse Ecos reizt an „Der Friedhof in Prag“, wie exemplarisch der Weg von Propagandalügen nachgezeichnet wird. Eco zeigt gleichermaßen politische Mechanismen wie die einfachen Schwächen von Menschen auf – und wie diese ins gegenseitige Wechselspiel miteinander geraten.