Triumph und Tragik

Ein Weltrekordler, eine Weltmeisterin sowie Licht und Schatten im Fußball. Das Saarland hat eine bewegte – und vor allem eine eigene – Sportgeschichte. Triumph und Tragik gingen dabei immer Hand in Hand. Das kleinste Bundesland stellte den größten deutschen Sprinter. Gleichzeitig legte der Vorzeigeclub eine der denkwürdigsten Niederlagenserie der Bundesligageschichte hin.

Saarbrücken als französischer Meister

Gilbert Grandval war der Anstoß für den eigenständigen Saarsport. Als Militärverwalter stand er nach dem Zweiten Weltkrieg dem besetzten „La Sarre“ vor, wie die Franzosen das Gebiet nannten und hatte ein Ziel: die Sonderrolle des Saarlands gegenüber dem restlichen Deutschland zu betonen.

Mit Folgen: Früher als die deutschen Teams durfte der 1. FC Saarbrücken am 27. April 1947 ein Heimspiel gegen Reims austragen. Es fand statt im „Stade Jean Bart“ – oder Kieselhumes, wie die Einheimischen es nennen.

Sowohl in Frankreich als auch im Saarland gab es Widerstand gegen die Eingliederung des Saarsports in den französischen. Doch Grandval war General und besaß die dem Berufsstand innewohnende Hartnäckigkeit. Er setzte durch, dass der 1. FC Saarbrücken in der Saison 1948/49 in der zweiten französischen Liga antreten durfte.

Saarbrigger
Saarbrigger

Und was passierte? Die Saarbrücker wurden prompt Meister. Damit stand ihnen der Aufstieg in die erste Liga zu, woraus sich folgerichtig ergeben hätte, dass Saarbrücken französischer Meister hätte werden können.

Das war den französischen Vereinen dann doch zu viel. Sie leisteten Widerstand und wählten den Präsidenten des Fußballverbands ab, der den General Grandval unterstützt hat. Es handelte sich um Jules Rimet, der seinerzeit gleichzeitig Präsident des Weltverbands Fifa war. Das wäre Sepp Blatter nicht passiert.

Saarbrücken durfte nicht aufsteigen. Die Saarländer waren tödlich beleidigt. Die ohnehin vorhandene Tendenz, sich eher zu Deutschland zugehörig zu fühlen, wurde verstärkt – nicht nur im Sport.

Da die Rückkehr politisch aber noch nicht möglich war, begann die Zeit des saarländischen Sonderwegs. Im Sport

Die Erfolgreichste

Einen neunten Platz holte Therese Zenz als 19-Jährige im Kanurennen der Frauen auf dem offenen Meer. Unspektakulär? Nein, denn dieser neunte Platz reichte, um die erfolgreichste Sportlerin einer saarländischen Olympia-Mannschaft zu werden. Aller Zeiten. Vermutlich.

Im Januar 1950 hatte sich ein eigenständiges saarländisches NOK gegründet. Das Nationale Olympische Komitee kam unter anderem auf Druck der Fußballer zustande, die sich darüber geärgert hatten, wie die Franzosen mit dem 1. FC Saarbrücken umgegangen waren. Die von der französischen wie der deutschen Politik gewollte Eingliederung des Saarsports in den französischen war gescheitert. Ein Vorbote für spätere, politische Entscheidungen.

1954 schrieb Zenz dann große Geschichte. Sie gewann den Weltmeister-Titel über die 500 Meter im Einer-Kajak. Es ist bis heute der einzige Weltmeistertitel, den eine Sportlerin oder ein Sportler im Namen des Saarlands gewonnen haben.

Zwei Jahre später galt Zenz auf der Strecke als Favoritin für Olympiagold, aber sie unterlag der Russin Elisabeth Dementjewa. Das Silber ging schon an eine gesamtdeutsche Mannschaft. In Rom folgten 1960 zwei weitere Silbermedaillen.

Auf Dauer unschlagbar

Der Weg der Helden von Bern führte über den Saarbrücker Ludwigspark. Nachdem der Versuch einer Integration in den französischen Fußball gescheitert war und eine Integration in den deutschen politisch noch nicht gewollt war, wählten die Saar-Funktionäre die Unabhängigkeit. Sie etablierten eine eigene Oberliga, die von Saarbrücken und Borussia Neunkirchen dominiert wurde und sie meldeten eine eigene Nationalmannschaft an.

Das Saarland galt nicht als attraktiver Gegner und so schickten die Schweiz, Österreich oder Frankreich nur ihre B-Teams in den Vergleich. Die Qualifikation zur Weltmeisterschaft in der Schweiz brachte den Saarländern dann erstmals einen echten Gegner: Norwegen: Am 24. Juni 1953 spielten die Saarländer in Oslo gegen das A-Team – und gewannen, mit 3:2. Im Rückspiel holten die Saarländer immerhin noch ein Unentschieden raus.

Das Ticket in die Schweiz spielten somit die Saarländer mit dem Team von Sepp Herberger aus. Das Hinspiel verloren sie in Stuttgart 0:3. Doch auf Grund der Gruppenkonstellation war im Rückspiel noch eine Qualifikation der Saarländer möglich. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Am 28. März unterlagen die Saarländer in Saarbrücken den Deutschen mit 1:3. Die Deutschen fuhren zur WM. Der Rest ist Geschichte.

Der Ruhm blieb andern vorbehalten. Das Wissen um die Namen der saarländischen Rekordspieler Waldemar Philippi, Herbert Martin und Gerhard Siedl ist einer ausgewählten Elite vorbehalten.

Zur WM 1958 traten die Saarländer nicht mehr an. Die Geschichte hatte ihre Eigenständigkeit überholt. Ein gewisser Franz Beckenbauer soll damals gesagt haben: „Die Weltmeister von 1954 und jetzt noch die Spieler aus dem Saarland – tut mir leid – aber wir sind auf Jahre unbesiegbar.“ Aber das hat damals niemanden interessiert, weil Franz Beckenbauer noch ein Schüler in München und gänzlich unbekannt war.

Immerhin: Einer aus dem legendären Saar-Team wurde doch noch Weltmeister. Der Trainer nämlich – Helmut Schön. Bekannt als Mann mit der Mütze führte er Paul Breitner, Berti Vogts und Jürgen Grabowski zum Titel von 1974.

Der Schallmauer-Durchbrecher

10,0 ist die Zahl, die untrennbar mit Armin Harry verbunden ist. Der gebürtige Quierschder war der Erste, der die 100 Meter in dieser Zeit lief. Gleichzeitig ist Hary bis heute der letzte Europäer, der den Weltrekord über 100 Meter hielt.

1960 gewann Hary die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen von Rom. Für ein gesamtdeutsches Team von BRD und DDR. Im antiken Griechenland wurden die Spiele nach dem Sieger der 100 Meter benannt. Es waren also die Armin-Hary-Spiele von Rom.

Schon ein Jahr später  - im Alter von 24 Jahren – beendete Hary seine Karriere. Aus Frust über den Deutschen Leichtathletik-Verband. Dessen Funktionäre hatten den Olympiasieger gesperrt – weil er zu einer Veranstaltung mit der Bahn statt dem Auto angereist war – und so Mehrkosten von 60 Mark verursachte.