Vom Dorf

Saarländer im Exil, Teil zwölf Die meisten Saarländer sind auf dem Dorf groß geworden. Zumindest mental. Trotzdem sind sie weltläufig. Nur auf den ersten Blick erscheint das wie ein Widerspruch. Auch wenn sie wegziehen, nehmen Saarländer das Dorf mit.

Logen, Bruderschaften, Communitys, Netzwerke – es hat schon immer unzählige Schlaumeier-Begriffe für den einfachen Fakt gegeben, dass Menschen, die sich näher kennen, eher zur Zusammenarbeit neigen und dass dieses gegenseitige Helfen sie weiterbringt. Der Saarländer kennt dazu kein Synonym. Er braucht auch keins. Es gibt ja auch keins für das Gegenteil von Durst. Den Normalzustand beschreiben zu sollen, leuchtet dem ohnehin mundfaulen Saarländer nicht ein.

Im Dorf hilft man sich. Wichtige Standard-Formulierungen lauten: „Haschte grad mo?“ und „Ich kenn eener, der eener kennt“. Im Zusammenhang mit der jüngsten Landtagswahl haben es diese Formulierungen sogar in die bundesweite Berichterstattung so was von anerkannter Medien geschafft. Was die Formulierungen nicht weniger charakteristisch und glaubhaft macht. Das Saarland ist ein Dorf und das Dorf ist eine Familie.

Wer dabei aber an Idylle denkt, sollte einhalten und sich seiner buckligen Verwandtschaft erinnern. In der Zwischenzeit erzählen wir einen Witz: „Wie heißt die kürzeste Lüge der Welt? Gehen zwei Saarländer an einer Kneipe vorbei,…“ Jeder hat wieder seine eigene Verwandtschaft vor Augen? Schön, dann können wir ja weiter machen im Text.

Schön ist's
Schön ist's

Im Dorf wie in der Familie kommt es zu Streit. Und zwar permanent. Ein guter Ort für Krach-Brauchtum ist der Verein. Zum Beispiel kenne ich keinen Turnverein, in der es nicht mindestens zwei Cliquen gibt, deren Mitglieder sich unter einander hassen wie Baktus und Zahnpasta. Und jedes Dorf hat seinen Turnverein.

In Kaninchenzuchtvereinen kommt es nicht zu diesen Spaltungen, was aber eher mit ihrer grundsätzlich niedriger liegenden Mitgliederzahl zusammenhängt. Dafür belauert sich das dreckige Dutzend untereinander. Rituale sind die Züchterfeste. Die dauern zwei Tage, Aufbau ist Samstagmorgen und beim gesponsorten Mittagessen kommt es zum immer gleichen Dialog: „Der X, der hat sich sein Essen verdient, der hat echt was geschafft. Die Y hat nur rumgestand unn geschwätzt, schad um’s Esse. Der Z, unverschämt, kommt iverhaupd immer erscht zum Esse.“ Den Casus Belli geben allerdings auch extravagante Speisen wie Linsensuppe oder Erbsensuppe ab oder manchmal ganz verrückt: eine Gulaschsuppe.

Das Dorf übt natürlich eine Kontrollfunktion über seine Mitglieder – Entschuldigung – Bewohner aus, die so hartnäckig und lückenlos ist, dass es manch pensioniertem Stasi-Mitarbeiter die Tränen in die Augen treibt. Der den Schwaben eigene Zwang zur Kehrwoche braucht der Saarländer nicht: Ein vorgefahrenes Polizeiauto, ein nächtlicher Krach oder eine mehrtägige Abwesenheit eines Ehepartners reichen, um die ganze Nachbarschaft mit dem Besen in der Hand auf die Straße zu treiben – dann wird gelauert, Informationen werden gesammelt und ausgetauscht, bis schließlich das ganze Dorf einen zuverlässigen Überblick über das tatsächliche Geschehen hat.

Außenstehende dürfen allerdings einen Fehler nicht begehen – Leben im und als Dorf mit Provinzialität verwechseln. Das Saarland, zumindest das Südliche, war Zeit seiner Existenz ein Ort des Austauschs: Völker wanderten durch, Soldaten sowieso, der Handel blühte und für ein ziemlich schmales Zeitfenster auch die Industrie. Der (südliche) Saarländer kennt also den Austausch, den von Informationen genauso wie den von Genen.

Der Pfälzer wähnt sich urban
Der Pfälzer wähnt sich urban
Deshalb ist es auch putzig zu sehen, wie Pfälzer versuchen, sich gegenüber Saarländern als weltläufig zu geben. Das Gegenteil ist der Fall. Als ich mit einem Bus der Y-Tours in mein erstes Exil fuhr – nach Kusel – kam es mir vor, als wenn ich ein Großstädter auf einer Expedition aufs Land wäre: Junge Menschen trugen graue Gummistiefel, dazu graue Jogginghosen in besagten Stiefeln. Darüber grobmaschige, dunkelblaue Norwegerpullover, natürlich in die Hosen gequetscht. Und top of all: Seitenscheidel mit dem Fettgehalt einer Imbissbuden-Fritteuse. Wer so auf einer saarländischen Schule rumgelaufen wäre, wäre in jeder Pause verprügelt worden. Und mit was? Mit Recht.

Geht der Saarländer dann ins Exil, nimmt er sein Dorf mit – innerlich. Er ist aufgeschlossen und fleißig, womit er sich letztlich überall zurechtfindet. Das Dorf in ihm schenkt ihm lediglich Ruhe, es hält ihn davon ab, auf jeden Hype einzugehen. Schon gar nicht würde er anfangen, Schlaumeier-Wörter wie Netzwerke ohne ironische Brechung zu verwenden.