Abschwenken an Silvester

Saarländer im Exil, Teil 14 Die Freiluftsaison hat begonnen, die Saarländer tummeln sich auf dem Sankt Johanner Markt und in der Saarlouiser Altstadt. Doch das wahre Sommertreiben findet woanders statt: auf den Festen. Jedes Dorf hat seins - und nicht nur eins. Einen Grund für ein Fest findet sich leicht, wenn's sein muss wöchentlich.

Wenn's ums Feiern geht, kann der Saarländer mit spartanisch anmutenden Requisiten auskommen: Ein Rondell, ein Paar Bierganituren - das reicht eigentlich schon. Ein Schwenker, eine Wurstbude und ein Toilettenwagen sind hilfreich, müssen aber nicht sein. Alles was drüber hinaus geht, ist Schnickschnack.

So feiert der Saarländer jede Woche in seinem Dorf. Die Fußballer, Ringer, Kanninchenzüchter, die Turner, die Handballer, die Feuerwehr, der Obst- und Gartenbauverein - sie alle sorgen gemeinsam für Anlässe. Eine schöne Tradition hat der Ort Humes hervorgebracht: Das Obere-Seitersstraßen-Fest. Die Seitersstraße hat gut 20 Häuser, steigt bergan und mündet in einer Sackgasse - mir fünf Häusern. Eben jene Sackgasse abgesperrt, Rondell und Garnituren aufgestellt, eine Wurstbude und ein Toilettenwagen. Fertig ist jenes besagte Obere-Seitersstraßen-Fest.

Eine Frage drängt sich dem Nicht-Saarländer auf: Wer besucht eigentlich all diese Feste? Viele sind Selbstläufer. Für die weniger Beliebten greift das saarländische Netzwerken.

Schön geregelt haben es etwa die Kanninchenzüchter: Die Zeiten, in denen die aufgestellten Ställe die Kinder angelockt haben, sind vorbei. So leicht lassen sich die verzogenen Chantales und Kevins heute nicht mehr begeistern. Damit die Garnituren nicht leer und die Gulasch-Portionen nicht übrig bleiben, besuchen sich die Vereine einfach untereinander selber.

Einer im Verein wird abgestellt, um eine Strichliste zu führen. Wenn die Sotzweilerer mit drei, die Neunkircher mit sechs und die Waderner mit vier Leuten auf dem eigenen Fest waren, werden die Sotzweilerer beim nächsten Fest mit drei Leuten besucht, die Neunkircher mit sechs und die Waderner mit vier. Warum sich dann das Geld nicht einfach gleich überweisen? Oder gar das ganze unsinnige Treiben einfach sein lassen? Wer solche defätistischen Fragen stellt, scheint für saarländische Kultur nicht offen zu sein.

Um mein persönliches Lieblingsfest wurde ich historisch indes betrogen: Die Hierschder Kerb. Weil in dem 700-Einwohner-Dorf keine Fahrenden mit ihren Geschäften Halt machen wollten, trafen sich die Junggesellen im Januar einfach in der Dorfkneipe "Kleer", nannten das Kerb und besoffen sich bis zum Verlust der Muttersprache. Wenn ich mal groß bin, bin ich da auf jeden Fall dabei, hatte ich mir als Kind vorgenommen. Leider wurde diese schöne Tradition indes eingestellt. Stattdessen stehen jetzt vor dem Feuerwehrheim ein Karusell und natürlich ein Rondell. Im Januar. Da kennt der Saarländer nichts.

Mit dem Verfall der Wirtschaft und den zurückgehenden finanziellen Möglichkeiten sind die Saarländer kreativ geworden. Mein Freund Michael etwa ist ein leidenschaftlicher Schwenker. Und den letzten über den Rost gelegten Schwenker feiert er mit seinen Freunden beim "Abschwenken". Das findet traditionell an Silvester statt. Wenn was übrig bleibt, ist das nicht schlimm, sondern gewollt. Denn am folgenden Neujahrstag gibt es das "Anschwenken", den ersten Schwenker der Saison.

Zu trinken gibt es bei An- und Abschwenken natürlich Bier. Aus der Kiste. Auf ein Rondell verzichten Michael und seine Leute. Ist ja eigentlich auch nicht notwendig für ein Fest. Mein Fehler. Ich bin halt schon zu lange im Exil.