Kreuzbrave Leut

Saarländer im Exil, Teil 13 Eigentlich sollte sich der dreizehnte Teil dieser kleinen Serie mit dem Thema Saarländer und Aberglaube beschäftigen. Aus Mangel an Ideen wenden wir uns aber der großen Schwester zu - dem Glauben. Das passt ganz gut. Alldieweil in keinem Bundesland die Quote an Katholiken so groß ist. Was dem Saarland den Stempel aufdrückt.

In der saarländischen Hymne, dem "Steiger-Lied" heißt es: "Wir sind kreuzbrave Leut." Das ist doppelt richtig. Denn einerseits haben die Menschen an Blies und Nied stets überdurchschnittlich stark dem Glauben an die Kirche, die katholische natürlich, zugesprochen. Die Pro-Kopf-Rate lag stets über der in Bayern. Und andererseits hat das die Menschen konservativ gemacht.

Konservativ im eigentlichen politischen Sinn. Nach dem Krieg gab es gleich zwei starke, christliche Volksparteien zwischen Saarlouis und Neunkirchen, eine für und eine gegen das Saar-Statut, die staatliche Unabhängigkeit des Saarlandes. Obendrein auch konservativ im gesellschaftlichen Sinn. Die strenge Mutter in Rom hatte nicht viel für die Selbstständigkeit ihrer Kinder übrig gehabt. Und die haben eigentlich nie richtig rebelliert. Kinderreiche Familien waren bis in die 70er Jahre an der Saar üblich. Die Priester herrschten bis ins Ehebett. Nach dem fünften, sechsten Kind flüsterten die Hebammen den Müttern heimlich ins Ohr, wie man Es machen könne, ohne dabei niederzukommen.

Auch sonst waren die Priester stark gestellt. In den Grundschulen gaben sie den Religionsunterricht ab der Dritten Klasse. Arbeiten und Noten waren Folklore. Wichtiger war das Heft, in dem sie eintrugen, wer am Wochenende im Gottesdienst war, wer in der Schulpredigt. Nur die erhielten die guten Noten. Wobei diese die deutliche Mehrheit stellten. Aus unserer Grundschul-Klasse gingen 13 von 15 in jede Messe, eine Evangelische und ich bildeten die Ausnahme. Bis irgendwann auch die Evangelische in den katholischen Gottesdienst lief. Ich weiß nicht, ob es eine evangelische Hölle gibt. Aber wenn...

Der Mechanismus des Dorfs, jeder kennt jeden und bekommt alles über einen mit, bildete mit dem Regime des Pfarrers eine unerfreuliche Melange. Wer aus der Reihe scherte, bekam das zu spüren. Das Angebot des Dorfes ist total für den, der da zugehört. Und total weg für andere. Das Saarland ist nicht immer lustig.

Die evangelische Strenge indes hat nie eine Rolle gespielt. Die Gemeinde blieb immer Diaspora und konnte den Charakter des kleinsten Bundeslandes nie mitbestimmen. Anders war es mit dem Islam. Die harten Jobs in Stahlhütten und Bergwerken lockten viele Menschen an, die seinerzeit Gastarbeiter genannt wurden, darunter auch viele Türken. Den Islam brachten sie mit. Zwar kommen in der Saar auf jeden Moslem immer noch drei Evangelische. Doch die Gemeinden prosperieren. 13 Moscheen zählt die Internetseite Islam-Saar.de auf. Fünf davon in Völklingen, der großen saarländischen Stahlstadt.

Der Glaube wird an der Saar stark bleiben. In keinem anderen Bundesland gibt es pro Kopf so wenig Atheisten. In jedem Dorf stehen Marienstatuen, Kapellen oder Abbildungen der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Berschleid. Der Glaube, der überleben wird, ist weiblich. Maria, der Mütterlichen gehören die Herzen. Das zeigen die Blumen, die heute noch an die Altare gestellt werden - ganz ohne Druck des Pastors.