Berlin den Tholeyern

 Saarländer im Exil, Teil 15 Wenn ein Saarländer in die Hauptstadt findet, kann er viele Klischees bedienen: Zu langsam sein, beeindruckt und ein wenig trottelig. Damit ist er nicht gut beraten. Denn wenn er Selbstbewusstsein und klaren Blick behält, kann Berlin ihn nur wenig beeindrucken.

Zugegeben. Am Kudamm oder am Hauptbahnhof ist einfach mehr los als sagen wir in der Fußgängerzone von Saarlouis oder am Lebacher Busbahnhof.  Und Gebäude wie das Brandenburger Tor, den Reichstag oder die Siegessäule finden sich in Saarbrücken in vergleichbarer Monumentalität eher selten. Das war’s dann schon aber, wofür ein Saarländer in Berlin bescheiden sein sollte. Denn mit dem Flair ist‘s nicht weit her.

Mit dem Slogan „Arm aber sexy“ kann man in Berlin ja bekanntlich Wahlen gewinnen. Was den ersten Teil betrifft, kann der Saarländer mühelos mithalten. Arm war er selbst auch immer. In Sachen Sexyness hingegen ist zwischen Spandau und Köpenick sehr viel Selbstüberschätzung unterwegs.

Wie am St. Johanner Markt
Wie am St. Johanner Markt
Als ich vor Jahren mal beruflich in der Hauptstadt zu tun hatte, tat ich das in einer abgetragenen Sportjacke, die ich nach dem Kauf einer neuen bewusst unbewusst bei dem Kollegen zuhause hängen ließ, in dessen Gästezimmer ich übernachtete. Der wiederum wollte sie mir zuschicken, ließ das Paket aber in der S-Bahn liegen, was er mit den Worten abtat: „Du wirst sie nicht vermissen. Und wenn ein Berliner sie findet, wird er sie für chic halten und sie auftragen.“ Ich hielt mich an die Reiseregel Nummer sieben, die besagt: „Widersprich nicht zu vehement jemandem, der die modischen Eigenarten seiner Stadt auf den Punkt zu bringen weiß.“

Ähnliches gilt für die „Berliner Schnauze“: Funktioniert als PR-Label, hört sich toll an und lässt den Ankommenden sich erst einmal schüchtern, unwert und schlicht nicht dazugehörend fühlen. Nur ist diese Schnauze meist nicht mehr als ein Euphemismus für schlecht gelaunt und erzogen, auf der Arbeit untalentiert und unmotiviert – ein Resultat des Phänomens, dass aus Tholey und Oberkirchen, die wegziehen, die mehr werden wollen, aber halt auch diejenigen, welche es in Tholey oder Oberkirchen nicht schaffen.

Es ist legitim, einen patzigen, langsamen und begriffsstutzigen Verkäufer in Folklore verherrlichen zu wollen. Genauso legitim, ist es aber auch, ihn einfach einen dem ehrwürdigen Berufsstand nicht gewachsenen Verkäufer zu heißen. 

Ein anderer Kollege argumentierte mal: „Was soll ich in Berlin. Das sind auch nur Leute aus Alzey.“ Lassen wir mal meine Eitelkeit beiseite, die darunter leidet, dass meine Freunde in der Lage sind, Themen in einem Satz auf den Punkt zu bringen, für die ich mir die Mühe eines eigenen Blogbeitrags mache. Denn natürlich hat der Kollege Recht und in Berlin wohnen nur Menschen aus Alzey. Gut, auch welche aus Quackenbrück, Plattling oder Fulda. Und hatte ich Tholey und Oberkirchen schon erwähnt?

Jedenfalls gibt es den Berliner nicht. Oder so wenig wie den Amerikaner. Das hält Erstere so wenig wie Letztere so wenig davon ab, die Nachrückenden als die Neuankömmlinge zu verspotten, die sie selbst mal waren. Spätestens in der zweiten oder dritten bilden sie sich etwas auf ihren Stammbaum ein, der doch auch nur in der Fremde wurzelt. Dies unterlegen sie, indem sie sich Manieren zulegen, die der Ankommende, nennen wir ihn mal Saarländer, als Berlinerisch wahrnimmt.

Berlin? Auch nur Tholeyer und Oberkirchener
Berlin? Auch nur Tholeyer und Oberkirchener
Das Berlinerisch ließe sich in einfachen Zügen umschreiben: Essen öko, Kleidung bunt, aus erlesenen Stoffen und ein wenig abwegig – der Kulturgeschmack letztlich an dem Kriterium ausgerichtet: Hauptsache noch unbekannt, Hauptsache nicht Mainstream. Nur bringt dieses Aufzählen von Klischees so wenig, dass wir es hier sein lassen.

Werfen wir zum Schluss lieber einen Blick auf die Tholeyer und Oberkirchener, die auch in Berlin Tholeyer und Oberkirchener bleiben. Sie bilden ihr Dorf in der großen Stadt nach. Das hat unangenehme Momente, wenn sie wegen Ruhestörung gegen das Szenelokal klagen, wegen dessen sie sich ihr Viertel eigentlich mal ausgesucht hatten. Das hat aber auch seine charmanten Momente. Etwa wenn durch Bäckerei, Apotheke und Kneipe eine Soziokultur entsteht, die der Tholeyer und Oberkirchener – Entschuldigung – der Berliner dann Kiez nennt.