Julius Hirsch, Nationalspieler. Ermordet

Einer wird im Ersten Weltkrieg getötet, der andere im Konzentrationslager, ein Dritter arbeitet dort – als Wächter. In den Lebensläufen der deutschen und österreichischen Nationalspieler spiegeln sich die historischen Ereignisse Europas wider. Mit einem dieser Schicksale beschäftigt sich am Montag, 25. Juni, die Veranstaltung „Fußball unterm Hakenkreuz“.

Gottfried Fuchs, Fritz Förderer und Julius Hirsch waren in der Kaiserzeit das, was Raul, Luis Figo und David Beckham später bei Real Madrid bildeten: Eine Sturmreihe, in der jeder einzelne ein Star war und die als Einheit den Gegnern Respekt einflößte.  Fuchs ist mit zehn Treffern in einem offiziellen Länderspiel heute noch Rekordträger des DFB, Hirsch war der erste Nationalspieler, der vier Mal in einem Länderspiel traf. Die Nazis brachten Hirsch um.

Hirsch starb im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau oder auf dem Zugtransport dorthin. 1943 verlor sich seine Spur. Zuvor hatte das Regime ihn wie andere Juden terrorisiert, seinen beruflichen Weg sabotiert, ihn gesellschaftlich ausgeschlossen und in Folge einer Flucht aus einem Zug ihn in eine Nervenheilanstalt eingewiesen.

Die großen Jahre Julius Hirsch waren die letzten vor dem Ersten Weltkrieg. Mit Förderer und Hirsch machte er den Karlsruher FV zum führenden Verein jener Tage. Dass dabei „nur“ ein Meistertitel heraussprang, lag einerseits an Pech, andererseits an den Umständen: Damals kickten alle nur am Feierabend und wurde die Deutsche Meisterschaft in einem Finale ausgetragen, das durchaus mal 1000 Kilometer von zuhause entfernt liegen konnte. So kam es vor, dass die Spieler zehn Stunden unterwegs waren, kurz vor Anpfiff ankamen und direkt aufs Feld einliefen. Später holte Julius Hirsch auch mit der Spvgg. Fürth den Titel.

In Folge des Kriegs setzte der regelmäßige Spielbetrieb für mehrere Jahre aus. Hirsch wurde Soldat – wie viele Juden. Freiwillig, denn er war überzeugter Patriot – ebenfalls wie viele Juden. Der wichtige Zeitzeuge des „Dritten Reichs“, Victor Klemperer berichtet in seinen Tagebüchern ausführlich über den jüdischen Patriotismus, die damit verbundene Hoffnung und die tiefe Enttäuschung der Frontsoldaten während der Nazizeit.

Hirsch blieb nach dem Krieg ein wacher Zeitgenosse. Er registrierte die Gefahr, die von den Nazis ausging und war umso verärgerter, wie schnell die Vereine und Fußballverbände auf den braunen, antisemitischen Kurs einschwenkten – auch sein Club der KFV. SO schlossen die Clubs schon 1933 – auf eigene Initiative – die Juden vom Spielbetrieb aus. Bis zuletzt wehrte Hirsch sich nach Kräften gegen den Terror.

Werner Skrentny hat in der lesenswerten Biographie „Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet“ den Lebensweg nachgezeichnet: von der Jugend im Kaiserreich, über die aktive Zeit, bis zum Mord durch die Nazis. Skrentny ist selber großer Fußballfan und berichtet sehr detailgetreu über die Umstände, unter denen 1910 in Deutschland Fußball gespielt wurde. Er ist einer der beiden Referenten von „Fußball unterm Hakenkreuz“ in der Neuen Synagoge in Mainz.

Als zweiter Referent agiert Nils Havemann. Der Historiker hat im Auftrag des DFB dessen Rolle in den Jahren der Diktatur untersucht. Dabei zeigte er auf, wie die Nazis den beliebten Volkssport für ihre Zwecke instrumentalisieren. Um sich von seinen braunen Schatten zu lösen, brauchte der DFB dann bis weit in die Bundesrepublik hinein. Moderiert wird der Abend von Mario Thurnes.

„Fußball unterm Hakenkreuz: Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet“ beginnt am Montag, 25. Juni, um 19.30 Uhr. Veranstaltungsort ist die Neue Synagoge in der Mainzer Neustadt. Veranstalter sind die Jüdische Gemeinde Mainz und die Heinrich-Böll-Stiftung Rheinland-Pfalz. Mehr zu der Veranstaltung gibt es hier.

Im Vorfeld der Veranstaltung stellt Rio-Ramscht einige Fußballer-Schicksale aus der Zeit des Nationalsozialismus vor. Zum Beispiel das des österreichischen Nationalhelden Matthias „Der Papierene“ Sindelar, der trotzig dem braunen Regime die Stirn bot.