Kein Bergbau mehr im Saarland

Es ist vorbei. Die Grube Ensdorf hat ihre Arbeit eingestellt, damit ist die Ära des Bergbaus im Saarland endgültig abgeschlossen. Sie hat über Jahrhunderte Leben, Landschaft und Menschen zwischen Merzig und Homburg geprägt. Nach der Kohle stellt sich die Frage der Existenzberechtigung.

Bis 1919 hat es das „Saarland“ nicht gegeben. Seine Dörfer und Städte gehörten unterschiedlichen Fürstentümern und Regierungseinheiten an. Selbst das Haus Oldenburg gehörte zu den Herrschern. Wegen des Kohlereichtums wollte Frankreich das Saargebiet nach 1919 vom Deutschen Reich trennen. Kohle und Stahl waren in der Epoche der Weltkriege von entscheidender strategischer Bedeutung.

Das Saarland ist klein und dennoch voll unterschiedlicher Lebensgefühle. Es gibt das Saarland der Weintrinker westlich von Merzig ebenso wie das bayerische Saarland um Homburg – die Leichtigkeit des St. Johanner Marktes ebenso wie die Schwere der Bierkneipen in den Dörfern. Verbunden hat all dies die Kohle. Sie hat dem Gebiet eine Identität gegeben - und Stolz.

Förderturm in Göttelborn
Grube Göttelborn
70 000 Menschen haben zu Hochzeiten im saarländischen Bergbau gearbeitet. Rechnet man die Familien dazu, lebte jeder Vierte Saarländer von der Kohle. Nimmt man den Stahlbau, die Zulieferer und Versorger dazu – die Rentner, die Ärzte der Bergmänner oder die Lehrer ihrer Kinder, dann bleibt nicht viel, was nichts mit dem Bergbau zu tun hatte.

Das war bis in die 70er Jahre so, vielleicht noch in den 80ern. Dann machte sich der Strukturwandel bemerkbar. Die saarländische Kohle war nicht mehr rentabel: zu tief ihre Lage, zu aufwendig die Förderung und aus Sicht der Unternehmer zu teuer die Löhne der Arbeiter. Allmählich bröckelte entsprechend die Dominanz des Bergbaus über das Saarlands weg. Die Politik brachte immer mehr Subventionen auf, um immer weniger Arbeitsplätze damit zu retten. Ende der 90er kaufte die aus der Saarbergwerke hervorgegangene RAG AG alt gediente Bergmänner aus ihren Arbeitsverhältnissen. Es war nur noch eine Frage der Zeit bis zum Ende des Erwerbszweigs, der im Saarland bis auf die Kelten zurückging und der die deutsche Industrialisierung befeuerte.

Absehbar war dieser Montanwandel schon in den 60er Jahren. Den notwendigen Strukturwandel vollzog das Land aber wenn überhaupt nur zögerlich. Oskar Lafontaine erklärte in einer vertraulichen Runde zwischen Ministerpräsident und Hauptstadtjournalisten: Er wisse, dass der Bergbau keine Zukunft hat. Nur: Solange er das Gegenteil sage, gewinne er die Wahlen.

Beschleunigt wurde das Ende durch ein Erdbeben am 23. Februar 2008. 4,5 auf der Richterskala lasen die Seismologen und sie ließen keinen Zweifel an der Ursache des Erdbebens: durch den Bergbau verursachte Erdverrutschungen. Für die Saarländer nichts Neues. Über Jahrzehnte lebten sie mit den „Grubenschäden“. Bodenwellen in Supermärkten waren im Nahe der Grube Göttelborn gelegenen Merschweiler eine Alltäglichkeit.

Nur hatte sich die Welt 2008 verändert. Auf Ministerpräsident Peter Müller ging nun ein Shitstorm los, der ihn bedrängte, dem Bergbau ein Ende zu setzen. Die Saarländer hatten die Hoffnungslosigkeit des Bergbaus offensichtlich eingesehen. Die Schäden wollten sie vor dem Hintergrund nicht mehr hinnehmen. Jetzt verlor man Wahlen, wenn man am Bergbau festhielt.