Entlassung war konsequent

Bayern München steht vor einer großen Frage: Gelingt die Übergabe der Geschicke, wenn Uli Hoeneß die Verantwortung abgibt, die er seit 33 Jahren inne hat? Christian Nerlinger wurde als potentieller Nachfolger als zu leicht befunden und ausgetauscht. Sein Nachfolger Matthias Sammer ist Uli Hoeneß zumindest in vielem ähnlich.

1997 bestritt Matthias Sammer sein letztes Bundesligaspiel. Drei Jahre später beendete er seine Karriere. Gegen seine Knieverletzung hat er einen zähen Kampf geführt, den er letztlich nicht gewinnen konnte. Dafür gab es ein schnelles Comeback. Als jüngster Trainer aller Zeiten wurde er 2002 mit Borussia Dortmund Deutscher Meister.

Eine Parallele zu Uli Hoeneß. Auch den zwang das Knie zu einem frühen Karriereende im Alter von 27 Jahren. Nur vier Monate später übernahm er die Geschicke des FC Bayern München. Der war im Jahr 1979 nur die Nummer zwei in Deutschland – hinter dem HSV, dessen Manager Günter Netzer hieß. Als der Inbegriff des Funktionärs galt Helmut Grashoff von Borussia Mönchengladbach – 1966 war der in Gladbach als Erster überhaupt Manager in der Bundesliga geworden.

Grasshoff war ein bodenständiger Typ – eher ein Schatzmeister als ein Manager. Hoeneß war der Gegentyp: Laut, wo Grashoff zurückhaltend war. Wagemutig, wo Grashoff abwägend war. Und expansiv, wo Grasshoff eher auf das Bewahren des Status Quo aus war. Während Gladbach in den 80ern allmählich ins zweite Glied der Bundesliga zurückwich, erlebte der FC Bayern seinen wahren Aufstieg.

Vor Hoeneß Amtsantritt als Manager war von dem Ruhm der Ära Beckenbauer-Müller-Maier nicht viel übrig geblieben. Der Club war klamm, Spieler wie Walter Junghans, Bernd Dürnberger oder Bertram Beierlorzer strahlten nur wenig Flair aus. Mit modernem Wirtschaften, riskanten Verpflichtungen wie Sören Lerby oder Lothar Matthäus und dem Aufbau von Strukturen schaffte Hoeneß das Fundament, auf dem die Erfolge des FC Bayern seit den 80er Jahren ruhen.

Franz Beckenbauer, Fritz Scherer oder Karl-Heinz Rummenigge kamen in Vorstandsämter, Edmund Stoiber, Boris Becker oder Helmut Marktwort quakten im Hintergrund mit – die Konstellationen waren unterschiedlich. Der starke Mann beim FC Bayern war aber über drei Jahrzehnte Uli Hoeneß. Und das unangefochten.

Die Nachfolge droht nun zu scheitern. Rummenigge und Nerlinger sind zu leicht für den Job. Und das nicht nur wegen den unglücklich verspielten Titeln im Jahr 2012. Andere, gravierende Fehler sind passiert. Allen voran haben die Bayern sich den besten deutschen Fußballer vom Konkurrenten Borussia Dortmund abwerben lassen, obwohl er aus der eigenen Jugend stammt  – und das gleich drei Mal: als Leihspieler, dann billig verkauft und letztlich die Rückkaufoption verstreichen lassen.

Dazu passt, dass der Münchener Unterbau schwächelt. Über Jahrzehnte spielte die B-Mannschaft im oberen Drittel der dritten Liga unter deren verschiedenen Namen. Mittlerweile ist der Nachwuchs selbst in der vierten Liga nur noch schlechterer Durchschnitt. Der Sprung von der zweiten in die erste Mannschaft ist folglich schwerer geworden.

Zudem ist mit dem 67 Jahre alten Jupp Heynckes die Trainerfrage nicht gerade visionär gelöst. Entsprechend verkörpert den modernen Fußball in Deutschland nicht der FC Bayern – sondern die Borussia aus Dortmund: lauf- und raumorientiert, Zug nach vorne, aufs Kollektiv setzend, während bei den Bayern jeder weiß, wann der Ball auf Robben kommt, wie lange er dribbelt, bevor er wie immer in die Mitte zieht.

Nerlingers Entlassung als Sportdirektor ist folglich konsequent. Nun also Matthias Sammer. Der Sportdirektor des DFB weist weitere Parallelen zu Hoeneß auf. Wie der Bayer ist Sammer einer, der gerne selbst denkt und die Ergebnisse davon  niemandem verschweigt – auch und gerade wenn sie kontrovers sind.

Dabei wandelt Sammer haarscharf an der Grenze. So befand er einst, es sei völlig unzureichend, wenn ehemalige Spieler wie Markus Babbel ihren Trainerschein in einem Wochenendkurs erreichen können. Das mag sein. Nur genau aus einem solchen hat Sammer seinen Schein. Oder als Sammer seinerzeit über seinen Dortmunder Mitspieler Wladimir But urteilte: „Er hat alles, was ein Fußballer braucht, nur er hat ein Problem – er ist Russe.“ Daraus folgerte Sammer, But sei per se faul. Immerhin: Buts Karriere verlief tatsächlich überschaubar.

Sammers Arbeit als DFB-Funktionär wird erst in einigen Jahren zu bewerten sein, wenn die Spieler ihre Karrierehöhepunkte erreichen, die unter ihm in den schwarz-weißen Nachwuchsteams angetreten sind. Immerhin hat Sammer mehrfach Auge bewiesen, etwa indem er früh das Talent von Mario Götze entdeckte. Auch hat er den Sturkopf bewiesen, mit dem Hoeneß die Bayern seit über 30 Jahren führt.

Nerlinger ist letztlich daran gescheitert, dass Hoeneß die Macht nicht einfach loslässt. Wer sie haben will, muss sie dem Platzhirsch entreißen. Sammer wird das entweder schaffen – oder mit Verve auf den Bauch klatschen.