In der Sauna wird gekuppelt

Das Eppelborner Schwimmbad war das Internet der 90er: Man konnte seine Kräfte mit anderen in Spielen messen, nackte Haut bewundern oder gleich Kontakt zum erwünschten Geschlecht aufnehmen. Es war das Soziale Netzwerk schlechthin, vor allem in einer Gemeinde, die Jugendlichen nicht viel zu bieten hat. Große Dinge haben sich hier angebahnt.

Hinter dem Schulbusbahnhof gelegen, führten einige Treppen… So würde ein Standard-Szenischer-Einstieg beginnen. Doch diese Journalisten-Prosa war vielleicht mal vor 20 Jahren chic und galt als gut leserlich - heute wird es nur noch als Text-Ballast wahrgenommen. Wird auch von immer mehr Autoren erkannt, lediglich die Kollegen von Spiegel-Online haben den Schuss noch nicht gehört. Hier wird es aber keine Treppenbeschreibungen oder Ausführungen über 70er-Jahre-Blumenbeete geben.

Fangen wir daher - fast unmittelbar - mit einem harten Fakt an: Die Kontaktbörse im Eppelborner Schwimmbad ist die Sauna. Die bietet gerade mal Platz für sechs Personen und ist uninteressant für die Jugendlichen, die noch näher an der Kindheit sind und sich folglich deren Unbekümmertheit sowie Bewegungsdrang erhalten haben. Mit anderen Worten: Die Erotik-Suchenden waren unter sich.

Auch das E-Daten haben die Besucher des Eppelborner Schwimmbads schon vor dem Internet entdeckt. Es galt nämlich als verpönt, eine Begehrte direkt anzusprechen. Stattdessen ließ man Freunde und Freundinnen vorfühlen. So kam es häufig zur Szene, dass A und B in der Sauna saßen und ausmachten, wann sich C und D treffen sollten. Bevor wer vorschnell über dieses Vorgehen urteilt, sei doch die Frage erlaubt: Wie viele Jahrhunderte hat das Prinzip der arrangierten Ehe gehalten? Eben.

Das Eppelborner Schwimmbad taugte ebenso, um aufblühende Manneskraft zu demonstrieren. Das geschah auf dem Monster, auch “Krake” genannt: Ein mannshohes Gummitier mit drei erklimmbaren Ebenen, das im Becken trieb und dessen Höhe es zu erobern galt. Um hoch zu kommen, brauchte es Energie, Kraft und die Fähigkeit Bündnisse zu schließen. War man auf dem Kieker der zwei oder drei Hauptstänze, konnte man ein triumphierendes Sitzen auf der Höhe vergessen, sondern wurde von jenen herzenskalt wieder herunter gestoßen. Nur wer anerkannt war, durfte oben bleiben - und auch das nur für eine halbe Minute.

Schwimmen konnte man im Eppelborner Schwimmbad eher weniger. Zu seicht das Wasser, zu kurz die Bahn und zu groß die Zahl derer, die im Weg standen. An dem Jugend-Mittwoch hätte der Besucher jetzt nichts anderes erwartet, als sich tummelndes Volk, das an der Ausübung von Sport nur als Metapher interessiert ist. Die Seniorentage waren diesbezüglich aber ebenso eine Enttäuschung.

Der Dienstag - manchmal auch der Donnerstag - war “Warmwassertag” und somit der “Wir haben das Land wieder aufgebaut”-Generation vorbehalten. Die war schon früh darin geschult worden, wie wichtig es sei, “Raum zu sichern”. Im Schwimmbad setzten sie dieses Wissen in der Mitte des Beckens um. Dort standen sie - mit dem Recht des Älteren ausgestattet - das ihnen sagte: Außer mir darf eigentlich keiner hier sah und folglich ist das der Ort, an dem ich mein Schwätzchen abhalte. Was praktisch war. Denn mit Verunglimpfungen derer, die das anders sahen, war ein Viertel, mitunter die Hälfte der Gesprächsthemen gegeben, die es in der Mitte des Beckens auszutauschen gab.

In den Broschüren stand dazu: Alt und Jung würden sich im Eppelborner Schwimmbad treffen und sich gemeinsam austauschen. Aber wer hört schon auf Werbetexter? Ließe man die den Zweiten Weltkrieg zusammen fassen, käme genau der gleiche Ephimismus raus . Um eine Floskel als Textausstieg zu legitimieren, sei hier der Kontext hergestellt, dass die Jungen im Eppelborner Schwimmbad halt schon früh die Weisheit gelernt haben: In der Liebe und dem Krieg ist alles erlaubt. Außerdem schließt diese Aussage an den Textanfang an, was ja als Stilmittel immer gerne gesehen ist.