Brauchen wir den noch?

Kurz vor Weihnachten 1992 ist Heinrich Böll ein zweites Mal gestorben. Anlässlich seines 75. Geburtstages erklärte das deutsche Feuilleton sein Werk für überholt. Das gesammelte Schweigen des Dr. Murke, das Irische Tagebuch oder die Ansichten eines Clowns – alles nicht mehr lesenswert? Das Hausmeisterteam der Werkstatt Strunkgasse geht der Frage nach: „Brauchen wir den noch?“ – ein Abend mit Lesungen, Diskussion und Anekdoten rund um den Kölner Kultautor.

In den 70er Jahren wurde Heinrich Böll dadurch berühmt, dass er den deutschen Terrorismus erfunden hat. Zumindest haben die deutschen Konservativen das im Kalten Krieg so gesehen. Und allen Ernstes stürmte 1972 ein Sondereinsatzkommando das Haus des damals 54 Jahre alten, hageren Schriftstellers. Es hätte ja sein können, dass er RAF-Terroristen beherbergt, hieß die Begründung für den Einsatz. Obwohl dem nicht so war, beschuldigte ihn ein CDU-Bundestagsabgeordneter später als  „intellektuellen Helfershelfer(n) des Terrors.“

Zu Lebzeiten war Böll aufgrund seines politischen Engagements eine umstrittene Figur. Ein Engagement, das sich in den Konstanten der Bonner Republik bewegte, die sich fünf Jahre nach Bölls Tod überlebt hatte. Nur ist sein literarisches Werk ohne die Aktualität des politischen Hintergrunds tatsächlich nichts mehr wert?

Böll erlebte verschiedene Schaffensphasen. In den 50er und 60er Jahren zeichnete er die Erlebnisse des Kriegs nach und kritisierte die katholisch prüde Gesellschaft der Adenauer-Ära und wie es in dieser die Schuldigen und Mitläufer der Nazizeit in führende Positionen schafften. In den 70er Jahren setzte er sich mit den Krankheiten der Bonner Republik auseinander: dem prägend konservativen Einfluss der Bild-Zeitung, den Folgen des materiellen Überflusses oder eben den übers Ziel hinausschießenden Reaktionen auf den Terror der RAF.

Einige Motive ziehen sich aber durch alle Werke Bölls: die Liebe als die Kraft, die selbst die schlimmsten Gefahren und Schicksale überwinden kann, oder das Christentum, nicht als hierarchischer Machtapparat, sondern als Solidargemeinde verstanden, in der Werte wie Toleranz, Verständnis oder Hilfsbereitschaft gelten.

Unter dem Titel „Brauchen wir den noch?“ stellt das Team der Werkstatt Strunkgasse Auszüge aus dem Werk Heinrich Bölls vor. Experten und interessierte Laien erzählen, welche Leseerfahrung sie mit dem Nobelpreisträger gemacht haben, was er ihnen gegeben hat – und was er ihnen heute noch gibt. Außerdem streiten wir offen über die Kernfrage des Abends.

„Brauchen wir den noch?“ beginnt am Mittwoch, 26. September, um 19.30 Uhr in der Werkstatt Strunkgasse 5. Der Eintritt ist frei.

Begleitend zu dem Abend wird eine Umfrage zum heutigen Stellenwert von Heinrich Böll und seinen Werken erhoben. Die Fragen gibt es hier. Antworten können per Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! geschickt werden oder per Post an Werkstatt Strunkgasse, Strunkgasse 5, 55120 Mainz-Mombach.