Der Bayern-Horst

Horst Seehofer hat sich über das Saarland lustig gemacht. Das ist aus vielen Gründen eine Dummheit. Unter anderem, weil das Saarland eigentlich das bessere Bayern ist.

Sie sind katholisch, trinken viel Bier und sind fleißige Leute. Man möchte auf die Bayern tippen, aber es sind tatsächlich die Saarländer. Pro Kopf trinken sie mehr und halten es stärker mit dem Vatikan als alle anderen, die Deutsch reden.  Der Südosten des Saarlandes gehört historisch zur Rheinpfalz und die wiederum war lange dem Königreich Bayern Untertan – ein unwilliger übrigens. Trotzdem gibt es in Homburg immer noch Kneipen, die bayerisches Flair verströmen.

Als Aufhänger für seinen Spott fällt dem bayerischen Ministerpräsidenten die fehlende geographische Ausbreitung des Saarlandes ein. Es sei so klein, man könne es an einem Tag mit dem Fahrrad durchqueren und müsse dann überlegen, was man nachmittags unternehme. Tusch! Jetzt wird Horst Seehofer mit dem Satz vertraut sein, dass Größe nicht alles ist – zumindest im Kontext mit seinem Ego wäre es eine ratsame Maxime.

Klein ist es das Saarland, zweifellos. Arm auch. Doch ist beides historisch bedingt. Dass die Gegend zwischen St. Wendel und Ludweiler für die Franzosen so interessant war, dass sie es vom Rest des „Reiches“ abtrennten, lag vor allem an den Kohlevorräten dort. Die angrenzenden Regionen boten das nicht und so rümpften die Franzosen die Nase und verzichteten auf sie.

Trotz des Reichtums an Kohle zahlte das Saarland nie in den Länderfinanzausgleich ein. Die Zeit der Isolierung von der Bundesrepublik hatte das letzte westliche Bundesland in seiner wirtschaftlichen Entwicklung gebremst. Als es den Rückstand hätte aufholen können, begann allmählich die Montankrise und in der haben die roten wie die schwarzen Regierungen den Strukturwandel mit Verve verschlafen.

Den Menschen im Saarland diese Armut vorzuwerfen, ist so dumm, wie es falsch ist. Die Kohle, die sie aus der Erde geholt haben, der Stahl, den sie geschmolzen haben, hat viel mit dem deutschen Wirtschaftswunder zu tun. Auch mit dem bayerischen. Es waren Scheißjobs. Die Arbeiter kannten unerträgliche Hitze, brutale Kälte, zerstörte Gelenke, Staub verpestete Lungen  – und nicht wenige haben diese Jobs mit ihrem Leben bezahlt. Das Ethos der Arbeit zählt im Saarland zu den wichtigsten Merkmalen, nach denen Menschen eingeordnet werden. „Der schafft nix“ ist als Urteil fast so vernichtend wie „Dummschwätzer“.

Womit wir wieder bei Horst Seehofer wären. Er hat sich in seinem Saarland-Bashing an den stellvertretenden Ministerpräsidenten Heiko Maas gerichtet. Das ist schön praktisch und auch ein Stück weit feige. Denn Maas ist Sozialdemokrat, doch regiert wird das Saarland von einer Christdemokratin, der Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer. Es ist also die eigene Wiese, in die Seehofer einen Haufen gesetzt hat. Im Übrigen ist das Saarland in den meisten seiner Jahre als Bundesland christdemokratisch regiert worden. Und die SPD musste sich konservativer als anderswo geben, um zwischen Prims und Blies eine Chance zu haben.

Was bleibt also dem Bayern-Horst? Nun, er sollte die Ministerpräsidentin bitten, ihn zur besagten Radtour einzuladen. Gerne darf das dann auch gesendet werden. Als Strecke empfiehlt sich die Tour von St. Wendel nach Saarlouis. Ist hübsch dort, die Hügellandschaft fordert einen und von Saarlouis kann man dann mit dem Rad entlang des Flusses nach Saarbrücken weiter fahren – und dort lernen, wie hässlich verschlafener Strukturwandel aussehen kann. Danach wird er müde sein, der Bayern-Horst und einfach mal nichts zu sagen, wird ihm wesentlich einfacher fallen.