Niemand redet Französisch

Die Saarländer können keinen Tatort. Das hat „Das Reich“ also das restliche Deutschland spätestens am Sonntag registriert. Dafür gibt es zwei Gründe. Der profane: Dem Saarländischen Rundfunk (SR) fehlt es an Geld. Der tiefer liegende: Die Saarländer zeigen sich nicht, wie sie sind.

Die ARD präsentiert die Doku-Reihe „Die großen Kriminalfälle“. In der ersten Staffel spielten drei der vier Folgen im Saarland. Nicht berücksichtigt: Die Al-Qaida-Verhaftungen, die es in Neunkirchen im Zusammenhang mit der „Sauerland-Gruppe“ gab. Kriminelle Energie haben die Menschen zwischen Merzig und Homburg offensichtlich. Daran kann’s nicht liegen, dass ihre Tatorte floppen.

Schnitt: Das Jahr 1988. Die Saarländer warten gespannt auf den ersten Fall von Max Palu. Der SR hatte zuvor Jahre keinen eigenen Kommissar mehr ins Rennen geschickt. Doch schon die ersten fünf Minuten mit Darsteller Jochen Senf schockieren: Alle reden Französisch, tragen notorisch Baguette mit sich rum und die erste Verfolgungsjagd wird mit dem Fahrrad bestritten. Kurz: Im Schnelldurchgang spielt das Tatort-Team alle Klischees durch, mit denen der Saarländer im „Reich“ notorisch konfrontiert wird – auch mit denen, die einfach nicht stimmen.

Ein Beispiel für alle Klischeeritter, die nochmal über das Saarland kommen wollen: Niemand redet in sagen wir mal Körprich Französisch. Die Nachbarregion Elsass-Lothringen gehörte immer wieder mal zu Deutschland. Die Älteren dort sprechen noch heute Deutsch. So wird ein Schuh draus.

Rückblende: Einer der drei Kriminalfälle war der mutmaßliche Mord an Pascal. Die Leiche des Jungen ist bis heute nicht gefunden worden. Was wir wissen: Der Junge konnte in einem kinderfeindlichen Umfeld nicht überleben. Tatort Tosa-Klause – die Architektur irgendwo zwischen Garage und Werkschuppen, fleckig und speckig die Einrichtung, das Umfeld der Saarbrücker Stadtteil Burbach. Eine Arbeitergegend. Früher. Heute eine Hartz-IV-Hochburg. Ob Pascal dort systematisch vergewaltigt wurde, ist nicht bewiesen – vorstellen kann man es sich allemal.

Das Saarland ist nicht das lustige kleine Dorfland, das sich die Menschen nördlich von St. Wendel gerne vorstellen. Hier gibt es ehemalige Bergarbeiter, die Taxi fahren und an früher denken, als sie stolz waren auf ihre harte Arbeit und deren Wert für den deutschen Wohlstand. Türken, die als „Gastarbeiter“ nach Deutschland kamen, um dort Geld zu verdienen für eine Existenz zuhause – und die nun nicht zurück können, weil sie mit Hartz IV nicht die großen Männer sind, als die sie zurückkehren wollten. Oder junge Leute, die fürchten, nie aus diesem Land rauszukommen.

Die allermeisten Menschen in diesen Milieus bleiben „anständig“, dem Gesetz treu. Aber natürlich führt ihr Leben in Versuchungen. Natürlich fährt der Frust mit, wenn die erlernte Arbeit nicht mehr gefragt ist. Und natürlich erwachsen unter diesen Umständen Geschichten, die zu erzählen lohnen: dreckig und abgründig – ja, klar. Aber auch authentisch und fesselnd.

Doch was sieht man im aktuellen saarländischen Tatort? Rockerklischees, wie sie schon der 50er-Jahre-Reißer „Die Halbstarken“ zu bieten hatte und die Otto schon in den 80ern ad absurdum geführt hat. Einen intellektuell angehauchten Devid Striesow als Kommissar, der auf seinem Roller davon träumt, zu diesen Rockern zu gehören. Wenn das gut gemacht ist, kann’s unter Umständen lustig werden. Mit dem Saarland hat das auf jeden Fall nichts zu tun.

Es gibt nicht nur die depressiven saarländischen Milieus. Zwischen Prims und Blies leben fröhliche Menschen – fröhlich aber auch spießig: Im Garten wird geschwenkt und Karlsberg getrunken, aber der Garten ist umzäunt und wehe, da schaut einer rein. Wenn in eine solch heile Welt das Verbrechen eindringt, wird es auch spannend.

Traumsequenz: Der berühmteste Tatort-Kommissar ist und bleibt auf absehbare Zeit Horst Schimanski – weil Götz George ihn glaubhaft angelegt hat. Natürlich war das Ruhrgebiet stilisiert – aber der echte Pott war dahinter noch gut zu erkennen. Geld wird der SR nie viel haben. Seine Tatorte werden nur über Drehbücher gerettet werden können. Und die würden gewinnen, wenn sie sich am echten Saarland orientieren – und sei es an dem, das kein Geld hat.