Ich vertraue Uli Hoeneß

Uli Hoeneß. Eine Verteidigung. Trotz alledem.

„Wem vertraust Du?“, wurde ich 1990 gefragt. Von der Katholisch Studierenden Jugend. Meine Antwort lautete: Uli Hoeneß. Einerseits hatte ich keine Lust auf den „Ich vertraue Gott und meinen Eltern, Sülz Laber“-Quatsch aus der obersten Schublade der sozialpädagogischen Kommode. Andererseits stimmte es: Während andere zuschauen mussten, wie ihre Lieblingsvereine Bockmist machten, führte Uli Hoeneß den FC Bayern München mit sicherer Hand nach oben. Ich vertraute ihm

Gut. Es gab Fehler. Natürlich. 1991 versäumte Bayern trotz der Abgänge von Jürgen Kohler und Stefan Reuter sowie dem Karriereende von Klaus Augenthaler, andere Verteidiger außer Thomas Berthold zu verpflichten. Das führte zu einer Saison voller Demütigungen und der einzigen verpassten Qualifikation fürs internationale Geschäft der letzten 30 Jahre.

Dann haben die Bayern Jürgen Klinsmann verpflichtet – und Giovanni Trapatoni gleich zweimal. Otto Rehhagel haben sie 1996 das UEFA-Cup-Finale nicht gegönnt, was ein Fehler war. Aber ansonsten schafften sie unter Hoeneß in den 80ern und den 2000er Jahren die nationale Dominanz – und allmählich auch den Aufstieg zu einer der größten und erfolgreichsten Vereine in Europa.

Hoeneß Führungsstil war ein Mix aus klarem Denken, guter Organisation und notwendiger Härte. Genau in dieser Härte lag bei Hoeneß immer auch eine gut versteckte Portion Humor. 1991 drehte Bayern Schalke 04 den Schrottstürmer Radmilo Mihajlovic an. Die Ablöse stand schon fest: satte 1,8 Millionen Mark. Dann schaltete sich Schalkes neuer Präsident Günter „Sonnenkönig“ Eichberg ein. Es müsse neu verhandelt werden. Am Ende zahlte Schalke 3 Millionen Mark – und Mihajlovic floppte.

Zum ersten Mal bewusst wurde mir Uli Hoeneß 1981, da war ich sieben Jahre alt. Im Jahresheft des Kickers war ein Bild, auf dem er die Neuzugänge begrüßte. Die Haupttexte las ich damals noch nicht – nur die Bildunterzeilen. Ich kannte nun zwei Manager: Hoeneß und den von meinen Eltern verehrten Helmut Grashoff von Borussia Mönchengladbach.

Es wurde mein erster Kulturkampf. Meine erste dialektische Schulung. Hoeneß stand für Modernität, Investitionen und Kälte – Grashoff für Tradition, Kaufmannssinn und Wärme. Ich entschied mich für Hoeneß und wurde Liberaler – trotzdem aber auch links. Allerdings habe ich dank Hoeneß gelernt, dass an sich schöne Werte wie Tradition und Wärme nichts zählen, wenn der Erfolg ausbleibt. An den Linken hat mich schon immer gestört, dass sie sich in der Opferrolle zu wohl fühlen. Dass es ihnen manchmal lieber ist, zu verlieren, weil man dann den Sieger ungestört und mit dem Pathos des Gerechten kritisieren kann. Ich will gewinnen. Genau wie Uli Hoeneß. Eines seiner besten Zitate: „Gewinnen wird nie langweilig.“

Dass man aus der Position des Starken helfen kann, hat niemand so sehr gezeigt wie Uli Hoeneß: Die Rettungsspiele für angeschlagene Clubs wie Waldhof Mannheim oder den FC. St. Pauli sind legendär. Strauchelte ein ehemaliger Bayer wie Gerd Müller, dann stellte ihn Hoeneß auf Posten wie „Schusstrainer“ der zweiten Mannschaft – und rettete ihn so vor dem sozialen Abstieg. Seinen Bürobedarf deckt der Konzern FC Bayern über ein kleines Kiosk-Lädchen – das gehört dem ehemaligen Verteidiger Hans-Georg Schwarzenbeck.

Die Position des Starken hat Hoeneß erst mal verloren. Jetzt dürfen die Mediocren aus ihren Löchern kriechen und schlechten Spott über ihn auskübeln. Dann kommen die komplett Unlustigen. Worte zur Moral – im Sport wie in der Gesellschaft – wird sich Hoeneß auf absehbare Zeit verkneifen müssen. Wobei das spannend wird. Denn sich zurückzuhalten, gehörte noch nie zu seinen Stärken.

Staatsanwaltschaft und Richter sind nicht zu beneiden. Klar: Wenn Hoeneß eine Straftat begangen hat, dann muss er mit dem gleichen Maß bestraft werden wie alle anderen auch. Nur wie lautet dieses Maß? Rechtsprechung ist keine Mathematik. Die einen werden sagen, Hoeneß werde als Promi geschont – die anderen, er werde als Exempel zu hart bestraft. Vielleicht werden beide Seiten das sogar zum gleichen Urteil sagen.

Das Lebenswerk von Uli Hoeneß wird bestehen. Klar: Moralisch sollte ich ihn verurteilen und mich von ihm abwenden. Pfeif der Hund drauf. Wenn eine Gesellschaft akzeptiert hat, dass ein Bundeskanzler außer Dienst das Verhältnis zu seinen Kumpels über die Verfassung des Landes stellt, dann halte ich auch an Uli Hoeneß fest. Zumindest als Macher beim FC Bayern.