Die Decke ist dünn

Den Busbahnhof von New Orleans hatte er als Bürger der Stadt hundertfach gesehen. Nun saß er plötzlich dort als Häftling in einem improvisierten Lager. Was er getan hatte? Das wollte ihm niemand sagen. Die Geschichte von Abdulrahman Zeitoun zeigt, wie dünn die Decke des Rechtsstaates im „Freien Westen“ ist.

Ein Mann wird verhaftet. Keiner sagt ihm, was er getan haben soll. Keiner, wie er sich von dem nicht ausgesprochenen Vorwurf freisprechen soll. Die meisten möchten an den Prozess von Franz Kafka denken. Doch es ist auch die Lebensgeschichte von Abdulrahman Zeitoun. Zumindest ein Teil davon. Der Syrer ist zur See gefahren. Dann beschließt er zu heiraten und sich niederzulassen. In New Orleans arbeitet er als Maler und Aushilfshandwerker, ist fleißig, gründet einen Betrieb, zeugt Kinder und legt die Gewinne seiner Arbeit in mehreren Mietshäusern an. Kurz: Der Syrer geht den American Way – bis im August 2005 der Hurrikan Katrina über und in New Orleans wütet.

Frau und Kinder bringen sich gen Norden in Sicherheit. Zeitoun bleibt. Erst beschützt er seinen Besitz vor Katrina, bereinigt Schäden, sobald sie auftreten und verhindert so Schlimmeres. Dann entdeckt er Nachbarn in Not und hilft ihnen. Er füttert zurückgelassene Hunde. Und schließlich paddelt er mit einem alten Kanu durch das durchflutete New Orleans – immer bereit auch Fremden zu helfen. Wenn er Rettungskräfte anspricht, sie mögen ihn bei Hilfsaktionen unterstützen, haben die keine Zeit. Wofür sie diese brauchen, soll Zeitoun später am eigenen Leib erfahren.

Nach einigen Tagen in der überfluteten Stadt wird Zeitoun in einem seiner Mietshäuser verhaftet – zusammen mit zwei weißen Angloamerikanern und einem arabisch stämmigen Nachbar. Die Verhaftung verläuft brutal. Der Tatvorwurf wird nicht ausgesprochen. Als verdächtig gelten sie, weil Zeitoun 500 Dollar, sein Nachbar 10 000 Dollar Bargeld mit sich führen. Die Vier kommen ins „Camp Greyhound“: Am Bahnhof, wo sonst die Überlandbusse abfahren, hat die Nationalgarde ein Gefangenenlager errichtet. Guantanamo auf amerikanischem Territorium.

Der Handwerker Zeitoun weiß: In diesem Lager stecken mehrere Tage Arbeit. Als Katrina noch tobte, Menschen auf ihren Dächern saßen und vergeblich auf Hilfe warteten, waren die Sicherheitskräfte offensichtlich schon damit beschäftigt, dieses Lager aus dem Boden zu stampfen.

Die Bedingungen sind einem zivilisierten Land nicht würdig: Die Gefangenen müssen auf dem nackten Asphalt schlafen. Moslems wird überwiegend Schweinefleisch als Nahrung angeboten. Die grundlegenden Rechte werden den Häftlingen verwehrt: Keine Anklage wird verlesen, kein Anwalt zugelassen, kein Anruf erlaubt. Es vergehen fast zwei Wochen, bis Zeitouns Frau Kathy erfährt, was mit ihrem Mann geschehen ist. Und das auch nur, weil ein Seelsorger verbotenerweise eine Nachricht Zeitouns aus dem Gefängnis schmuggelt, in das dieser zwischenzeitlich verlegt wurde.

Die Sicherheitsbehörden räumen nun den Fehler ein: Zeitoun säße zu Unrecht in Haft. Dennoch muss er dort bleiben, wird eine Kaution festgelegt, die hundert Mal so hoch ist, wie es in vergleichbaren Fällen üblich wäre. Als Zeitoun endlich frei kommt, ist er ein gebrochener Mann – krank und mit grauen Haaren. Seine Frau Kathy leidet unter Angstzuständen. Seine Häuser haben in seiner Abwesenheit schweren Schaden erlitten. Die Hunde sind verhungert.

Dave Eggers schildert in einem Dokuroman den Weg von Abdulrahman Zeitoun. Das Werk glänzt durch seine Unaufgeregtheit. Die sachlich ruhige Darstellung lässt den Alptraum umso erschreckender wirken.

Zugleich malt Eggers ein Sittenporträt der USA unter der Präsidentschaft von George W. Bush: Die Hysterie vor dem islamistischen Terror und die unmäßigen Reaktionen. Das Buch zeigt in seinem Subtext aber auch, wie dünn die Decke der Zivilisation ist. Wie wenig reicht, um die Prinzipien des Rechtsstaates aufzugeben. Ein Hurrikan ist in den USA kein so seltenes Phänomen, um eine solche Aufgabe zu rechtfertigen.

Kann hier nicht passieren? Europa ist nicht die USA, wir wären niemals so hysterisch? Nun ja. Als sich in den 80er Jahren AIDS verbreitete und die Gesundheitsbehörden noch keine sicheren Aussagen über Ausmaß und Entwicklung der Krankheit machen konnten, wurde ernsthaft diskutiert, an AIDS Erkrankte in eigens einzurichtenden Lagern zu separieren. Diese Diskussionen gab es auch in Deutschland. In Schweden waren die ersten Lager sogar schon in Bau. Die Decke ist dünn.