Mir ist zu laut

Fluglärm ist in Mainz bereits in aller Munde. Die Bahn wird als Quelle gerade entdeckt. Damit endet der akustische Terror aber bei Weitem nicht. Das Leben im westlichen Rhein-Main-Gebiet ist laut und die Ruhe-Oasen veröden nach und nach.

Das Unheil bahnte sich mit einem Bauzaun an. Er sperrte den Platz vor dem Gartenhäuschen ab, auf dem sonst die Fahrräder abgestellt waren. Die Hoffnung war berechtigt, dass es sich um einen erneuten Versuch des Hausmeisters handelte, seinem Treiben Sinn zu stiften. Dreimal bereits hatte er in dem Jahrzehnt, das ich in der Kurfürstenstraße lebte, die Räder von einer zur nächsten Stelle im Hof verbannt. Nervig. Aber aushaltbar.

Nur es kam viel schlimmer: Die gesamte Gartenmauer wurde abgerissen. In einem Viertel des Hofes entstanden Hinterhofhäuser, der Rest wurde zu Parkplätzen. Neue Nachbarn. Zum Parkplatz vor dem Haus kam nun einer dahinter dazu. Dazwischen eine Verbindungsstraße, die beide gefühlt zu einem großen Parkplatz verbanden, in den die eigene Wohnung integriert war. Mit der Gartenmauer fiel auch der Lärmschutz weg hin zu dem Billig-Fitnessstudio, das seine Bewegungskurse mit bassstampfender Diskomusik unterlegte.

Die Grenze war überschritten. Als ich 1999 in die Kurfürstenstraße zog, lockte eine urbane aber trotzdem ruhige Gegend. In der Nachbarschaft lebten viele ältere Menschen sowie sozialschwache Familien. Beide hatten den Vorteil, dass sie wenigstens nachts ruhig waren. Selbst die schwerhörige Nachbarin, die bis Viertel vor zehn vollstoff Volksmusik hörte, war auf diese Weise erträglich.

Mit jeder Beerdigung in der Kurfürstenstraße kam eine neue Studenten-WG dazu. Laute Partys und rauchende, schrill quatschende Menschen vorm Schlafzimmerfenster wurden zum Wochenend-Alltag. Der Donnerstag wurde der neue Freitag, der Mittwoch der neue Donnerstag und die ganze Woche das neue Wochenende. Mit der Nachtruhe wäre es auch ganz ohne Fluglärm vorbei gewesen.

Die Oasen wurden seltener. Es muss eine Agentur geben, die Lärmquellen systematisch verteilt. Von der Organisation dieser Agentur könnte jeder Stab der Welt was lernen. Ihr größter Erfolg: In jeden Wagen der S-Bahn genau einen Arsch zu setzen, der mit seiner Kopfhörermusik die anderen im reizbaren Hörbereich malträtiert. Sein Gesichtsausdruck zeigt den gleichen Stolz, den ein Rüde auf seine Duftmarke hegt, weil diese besagt, dass er da war. Und letztlich ist diese Form des Musikhörens auch nichts anderes.

Und es gibt keine Flucht. Sitzt du im Biergarten schätzen alle dort die Ruhe – und dass sie mit ihrem Auto bis einen Meter vor diese Ruhe fahren können. Gehst Du ins Theater musst du Angst haben, dass eine Hustenepidemie unterwegs ist. Während du im Kino beruhigt wirst, dass es um die Ernährung der Welt wohl besser steht, als es manche Reportage vermuten lässt. In einer Wiederholung des ersten Potter-Films saß ich mal mit insgesamt nur drei Zuschauern. Und die beiden anderen haben gereicht, mir mit ihrem Dauergelaber die Oase zu verderben.

Aus der Kurfürstenstraße bin ich geflüchtet – Parkplatz, Studentenpartys und Fitnessstudio erstmal los. Im Haus leben viele Familien mit kleinen Kindern. Aber das stört mich nicht. Zum einen ist das Lärm, den ich nicht für egoistisch produziert halte. Zum andern sind die in der Regel um Neun im Bett. Dann höre ich nur noch die schwerhörige Nachbarin mit ihrer vollstoff Volksmusik und denke: Die Agentur hat wieder ganze Arbeit geleistet.