Ein Befreiungsschlag namens Arschloch

Meine Songs, Teil eins: Die frühen 90er waren Kacke in Deutschland: Die Nazis auf dem Vormarsch, Überfälle auf Asylantenheime und Synagogen in den Schlagzeilen und die Linke in tiefer Lethargie. Ein Aufschrei weckte auf. Er lautete: „Arschloch!“

Im Dezember 1992 trafen sich die Größen des Deutschrocks auf dem Frankfurter Messeplatz. „Arsch huh, Zäng ussenander“ (oder so ähnlich) hieß das Motto. Es wurde gegen Rechts gespielt und es gab manch vorweihnachtliche Botschaft: „Denkt immer daran – die haben nur den Hass, aber wir, wir haben die Liebe“, sagte etwa Westernhagen seinen Freiheits-Song an. Es war ein eindrucksvolles Konzert, es hat Mut gemacht. Und doch fehlte etwas. Zum einen Entschlossenheit und zum anderen eine Band, die sich vier Jahre zuvor aufgelöst hatte.

Zur Entschlossenheit: Das Jahr zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung verlebten die Deutschen im Rausch, zu dem der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft wie bestellt passte. Dann kam der Entzug. Besonders schwer traf es junge Männer, die sich das kapitalistische Schlaraffenland erträumt hatten und als Arbeitslose in Halle-Neustadt erwachten.

Ihr „Erweckungserlebnis“ sagte ihnen, einer müsse an ihrem tristen Leben Schuld tragen. Die Wahl fiel auf „Die Ausländer“. Von der Politik erhielten sie Rückenwind.  Helmut Kohl hatte „blühende Landschaften“ und eine „aus der Portokasse“ bezahlte Wiedervereinigung versprochen. Die Wirklichkeit bestand aus den besagten Arbeitslosen in Halle-Neustadt und aus Steuererhöhungen. Letztere schienen eine Wiederwahl aussichtslos zu machen. Kohls Generalsekretär Volker Rühe ergriff die Gegenoffensive und mobilisierte die CDU zu einer Kampagne gegen das deutsche Asylrecht. Diese bildete den Hintergrundsound zu den Attacken, die nun folgten. Einst linke Medien wie der Spiegel stimmten bereitwillig in dieses Orchester ein.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich hat keiner von der CDU zu Brandüberfällen aufgerufen, zu Mob-Attacken gegen Asylantenheime oder gar zu Schändungen jüdischer Friedhöfe. Aber sie haben sich auch nicht energisch dagegen gestemmt. Es waren keine 24 Stunden vergangen, dass eine johlende Masse in Rostock-Lichtenhagen einen kollektiven Mordanschlag auf einen Asylantenheim ausübte, da stellte sich Innenminister Rudolf Seiters hin und meinte: Das sei doch jetzt ein klarer Beleg dafür, dass wir das Asylrecht ändern müssten. Empathie sieht anders aus – von Menschlichkeit ist hier nicht die Rede.

Und wie reagierte Deutschlands Linke? In der Asyldebatte knickte die SPD unter dem medialen Druck ein. Die rechten Anschläge paralysierten die Linke: „Das passiert schon wieder auf deutschem Boden“ war die kollektive Antwort. Das war passiv. Das war weinerlich und das war wehrlos. Genau so sahen die linken Reaktionen auf den braunen Terror aus. Und so schön die Lichterketten waren – sie passten in diese Wehrlos-Attitüde.

A propos Attitüde. Anfang der 90er fehlte in Deutschland auch die Stimme der Ärzte. 1988 hatte sich Die Beste Band der Welt getrennt. In Mitten der Krise der deutschen Linke trafen sie sich wieder und bastelten an Texten. Was dann im Sommer 1993 auf den Markt kam, war ein Befreiungsschlag: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe. Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit. Du hast nie gelernt, Dich zu artikulieren. Und Deine Freundin die hat niemals für Dich Zeit – Arschloch!“

Die Ärzte waren zurück. Und mit ihnen linkes Selbstvertrauen. Es galt wieder, was schon Charlie Chaplin lehrte: Man muss sich über das Böse lustig machen, nur dann kam man sich auch entschlossen entgegen stellen.

Keine Frage: „Schrei nach Liebe“ hat das braune Problem Deutschlands nicht gelöst. In jenen Jahren formierte sich die Mordlust des Nationalsozialistischen Untergrunds. Das Versagen der Behörden ist so restlos, dass der Verdacht in der Welt bleibt: Der Feind steht vielleicht rechts. Sitzen tut er aber auch in den eigenen Reihen.

Was die Ärzte erreicht haben: Für die, die in der sächsischen Schweiz oder in Vorpommern, aber auch in der Südpfalz oder an der Lahn dem rechten Terror entgegen treten, haben nicht nur weinerliches Liedgut. Es gibt wenigstens eine Stimme, die ihnen Mut einflößt.