Der Grundstein des FC Bayern

Unter vergleichbar geringem Echo ist Pál Csernai gestorben. Dabei beruht der heutige Erfolg und Einfluss des FC Bayern München nicht unwesentlich auf dem ungarischen Trainer. In der Bundesliga hat er zudem einen wichtigen Modernisierungsschub ausgelöst.

Wenn ein Schmetterling seine Richtung ändert, reicht das nach der Theorie einiger Chaosforscher aus, um die Weltgeschichte maßgeblich zu verändern. Das will noch belegt werden. Sicher ist: Ohne Pál Csernai wäre die Geschichte des FC Bayern München anders verlaufen. Gut möglich, dass der Stern des Südens den gleichen Weg vieler Traditionsvereine gegangen wäre: zu lange im Erfolg schwelgen, den erworbenen Reichtum verprassen und dann den Anschluss verlieren.

Als Pál Csernai 1978 nach München kam, bestand genau diese Gefahr. Aus der Ära Beckenbauer-Müller-Maier war nicht mehr viel geblieben. Statt zum Festgeldkonto zu gehen, mussten der Vorstand in der Kreditabteilung Schlange stehen. Die Stars wie Georg Schwarzenbeck, Uli Hoeneß oder Sepp Maier waren ins Alter gekommen beziehungsweise durch Verletzungen oder Unfälle zum Karriereende gezwungen. Von Nachrückern wie Udo Horsmann, Bernd Dürnberger oder Norbert Janzon ging wenig Glamour aus.

Den stärkeren Kader stellte in jener Zeit der HSV mit Weltstars wie Kevin Keegan und Nationalspielern wie Felix Magath, Horst Hrubesch oder Manni Kaltz. Trotzdem gelangen den Bayern unter Csernai zwei Deutsche Meisterschaften und zwei Teilnahmen in den Halbfinals der europäischen Wettbewerben.  Der Vorteil der Bayern: die neue Taktik, die Csernai den Münchenern verordnete.

Der FC Bayern der späten 70er war das erste deutsche Team, das die Raumdeckung praktizierte. Bis dahin war es üblich, dass ein Vorstopper dem gegnerischen Stürmer quer und stur übers Feld folgte. „Ich will, dass du ihm auf die Toilette nachgehst“, hat sich als Spruch aus diesen Tagen immer noch gehalten.

Die Bayern teilten den Angreifer dem Verteidiger zu, in dessen Raum er sich gerade aufhielt. Das ermöglichte weiteren taktischen Spielraum: Die Abwehr blieb nicht mehr, wie bis dahin üblich, am eigenen Strafraum zurück, sondern schloss auf bis zur Mittellinie. Das Mittelfeld wurde dadurch kleiner, der ballführende Spieler deutlich mehr unter Druck gesetzt. Fußball wurde aggressiver, laufintensiver, schneller.

Der taktische Vorsprung, den die Bayern durch die Raumdeckung erwarben, war bald aufgebraucht – die anderen übernahmen nach und nach dieses System. Csernais Zeit in München endete. Und trotzdem legte er den Grundstein für die heutige Vormachtstellung des Rekordmeisters.

Mit dem Geld, das Csernais Erfolge einspielte, verpflichteten die Bayern Dieter Hoeneß, Sören Lerby, Lothar Matthäus, Andy Brehme oder Norbert Eder. Diese wiederum schafften es in den 80ern mehrmals, über mehrere Runden das letzte verbliebene deutsche Team in den europäischen Wettbewerben zu sein. Das ist lukrativ: Je nach Finanzkraft der Fernsehsender gibt es nationale Pools für Fernsehprämien. Diese müssen sich die in einer Runde verbliebenen Teams aufteilen. Bleibt nur einer übrig, kassiert er richtig ab.

Zu diesen vergleichsweise üppigen internationalen Einnahmen kamen Transfererlöse für Rummenigge, Matthäus oder Brehme. Dieses Geld legte der Vorstand – allen voran Uli Hoeneß – geschickt an. Daraus ist der finanzielle Abstand erwachsen, den die Bayern aktuell vor der nationalen Konkurrenz haben. Ob das ohne Pál Csernai möglich gewesen wäre, weiß nur der Schmetterling, der gerade seine Richtung wechselt.