Wer das Gute will

Fahrenheit 451 ist eine Utopie über eine faschistische Gesellschaft, in der schon der Besitz von Büchern unter schwerer Strafe steht. Der Klassiker von Ray Bradbury ist gerade in diesen Tagen besonders aktuell – da er zu einer Conclusio kommt, der wir uns nähern.

Hauptfigur des Romans ist Guy Montag. Ein Feuerwehrmann – und damit ein Büttel des Systems. Denn in der Welt von Fahrenheit 451 sind die Häuser brandgeschützt und die Feuerwehrleute stattdessen da, um Bücher zu verbrennen und als Strafe auch die Häuser der Besitzer. In Montag keimen Zweifel auf und er wird schrittweise zum Dissidenten. Somit erlebt der Leser das System von innen und lernt, sich davon zu distanzieren.

Nach gut der Hälfte des Romans löst Bradbury auf, wie es zu dieser Diktatur gekommen ist. Er lässt es über die grandios widersprüchliche Figur des Captain Beatty schildern. Montags Vorgesetzter, der den umgekehrten Weg gegangen ist: Einst ein Dissident, dann ein fanatischer Träger der Diktatur.

Die Menschen hätten sich das System Stück für Stück selbst verpasst. Es habe damit angefangen, dass Minderheiten geschützt werden sollten und daher jegliche Äußerungen verboten wurden, von denen diese sich verletzt fühlen könnten. Immer mehr Gedanken seien so tabuisiert worden, sodass die finale Konsequenz war, alle freien Gedanken zu verbieten. Daher erlaubt das System seinen Untertanen keine Bücher mehr und lenkt es stattdessen mit Drogen und Videowänden ab, auf denen stumpfeste Unterhaltung geboten wird.

Von dieser Auflösung hin zu aktuellen Debatten ist der Weg kurz. An der Diskussion über das „Zigeunerschnitzel“ findet sich ja noch viel Lustiges. Und die Umtaufe vom „Mohrenkopf“ zum „Schokokuss“ wurde sogar weitgehend akzeptiert. Viele sagen sich auch, diese Diskussionen seien nicht so wichtig, da es sich ja nur um Wörter handele. Eine Fehleinschätzung. Sprache ist das Herrschaftsinstrument schlechthin. Zusammenhänge zwischen Sprachvermögen und Erkenntnisapparat sind klar nachgewiesen.

Es gibt auch nicht sprachliche Beispiele: Im Fußball wurde vom Weltverband das Ausziehen des Trikots beim Torjubel mit der gelben Karte belegt. Den Antrieb gaben Fernsehstationen islamischer Länder. Sie drohten die Weltmeisterschaften zeitversetzt oder gar nicht mehr zu übertragen, wenn nackte Oberkörper zu sehen seien.

Wie tief ins Leben der Menschen Bedenken vor Beleidigungen von Minderheiten greifen können, zeigt der jüngste Fall: Die UNO höchst selbst hat eine Kommission eingerichtet, die sich mit dem niederländischen Nikolausfest auseinandergesetzt hat. Und diese Kommission rät nun: Das Fest am besten ganz abschaffen! Denn der Nikolaus wird von Helfern begleitet, den „Schwarzen Gesellen“ und das sei rassistisch.

In den Niederlanden bricht nun Protest aus. Binnen kurzer Zeit haben über eine Million Menschen eine Petition auf Facebook gezeichnet, die sich für den Erhalt des Festes einsetzen.

Das Ziel der Uno ist richtig. Den Kampf gegen Rassismus sollte sie zu einem Schwerpunt ihrer Arbeit machen. Nur: Mit dem niederländischen Nikolausfest anzufangen, ist Gratismut. Selbst in Industrieländern gäbe es genug handfesten Rassismus, gegen den anzugehen wäre. Die Unterdrückung der Schwarzen in Alabama oder die Morde des Nationalsozialistischen Untergrundes in Deutschland sind nur zwei Beispiele für Bedarf.

Die Sprache zu regulieren oder jahrhundertealte Gewohnheiten wie ein Nikolausfest, von dem noch keine nachweisliche Gewalttat ausgegangen ist, ist indes ein gefährlicher Weg. Dass eine solche Regulierung von der guten Absicht in die schlechte Tat umschlagen kann, ist nicht nur eine Utopie Bradburys. Vom Wohlfahrtsausschuss zum Stasi-Chef, der die Menschen doch nur geliebt hat, gibt es genug Beispiele in der Geschichte.

Gefährlicher werden Ausdrücke ohnehin nur, wenn die Menschen das Falsche denken und fühlen. Wer ein „Zigeunerschnitzel“ bestellt, kann trotzdem Respekt vor Sinti und Roma haben. Wer von „Zigeunerpack“ redet, sollte allermindestens mal skeptisch gesehen werden. In Fahrenheit 451 löst Bradbury diesen Gedanken übrigens wunderschön auf. Es gibt eine Kraft, die Montag vom Büttel zum Gegner der Diktatur macht: die Liebe.