Erledigt

Uli Hoeneß hat mich in meinem Leben nicht unwesentlich beeinflusst. Ich hätte ihm einen würdigeren Abgang gewünscht. Nach Absitzen der Strafe wird bleiben, was er für den FC Bayern geleistet hat – und das war groß.

Da wir uns im Fußballbereich bewegen, hau ich zum Anfang einen Drei-Euro-ins-Phrasenschwein-Spruch raus: Mitleid kriegst du geschenkt, Neid musst du dir verdienen. Wie viel Uli Hoeneß in seinem Leben verdient hat, zeigt sich an der Häme, der Schadenfreude und ja – auch dem Hass – der sich nun über ihm ausschüttet. Mit der Größe, die er erreicht hat, muss er damit umgehen können und das tut er ja auch.

Uli Hoeneß hat viel verdient. Er hat es aber nicht ausreichend besteuert. Das ist ein Fehler, eine Straftat oder Verbrechen – je nachdem welchen Zungenschlag man dem beigeben will. Auf jeden Fall ist eine Strafe darauf ausgesetzt. Die tritt Hoeneß nun an. Hat er sie abgesessen, ist für mich die Sache Steuerhinterziehung erledigt.

Das sagst du nur, weil du den Hoeneß magst, höre ich viele meiner Freunde reagieren. Dem kann ich ruhig entgegen halten: Nö. Ich bin für die Resozialisierung von Verbrechern, die ihre Strafe abgesessen haben und dann auch für ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft. So sehen das die meisten meiner Freunde auch. Grundsätzlich. Manche von ihnen wollen die Resozialisierung sogar ohne Strafe. Grundsätzlich. Nur halt nicht für Uli Hoeneß – weil sie ihn nicht mögen.

Bei den Hoeneß-Hassern liegt es meist daran, dass sie ihm vorwerfen, den Fußball zum kapitalistischen Geschäft gemacht zu haben. Liebe Freunde, sorry, das ist naiv. Wohlwollend ausgedrückt. Selbst in den verklärten Tagen der Herberger-Elf haben die Spieler jeden materiellen Vorteil angenommen, der irgendwo wartete. Und es war Schalke 04, der als Erstes Ärger mit dem DFB hatte, weil er mit Geld Fußballer holte und an sich band. Ein Geschäft war der Fußball von Anfang an, nur die Dimensionen passen sich an die Zeit an.

Was Hoeneß zum Neuerer und zum größten Manager des deutschen Fußballs machte, war, dass er anfing die im Fußball kursierenden Summen sinnvoll zu verwalten, auszubauen und gezielt zu investieren. In den 80er Jahren flossen hohe Beträge aus Italien nach Deutschland für Spieler wie Detari, Okonski oder Matthäus. Bei der Eintracht und dem HSV versickerte das Geld bestenfalls in Fehlinvestitionen – was in den Taschen der Funktionäre verschwand oder für ihre feierabendliche Freizeitgestaltung draufging, lässt sich nur spekulieren. Hoeneß investierte in Spieler, baute das Trainingszentrum aus und letztlich mit Hilfe von Franz Beckenbauer das neue Stadion.

Dass die Spielereinkäufe oft den abgebenden Vereinen gezielt schadeten, war kein Kollateralschaden – es war Methode. Das mag man unsympathisch finden, es hat aber die Spitzenposition der Bayern in Deutschland ausgebaut. Mitte der 90er Jahre hat Borussia Dortmund Ähnliches versucht, etwa Rene Schneider von Hansa Rostock überteuert verpflichtet, nachdem Bayern Interesse bekundete. Das klappte nur nicht so gut wie bei den Bayern.

Als Hoeneß bei Bayern Manager wurde, war die deutsche Spitzenmannschaft der HSV. Die Stadt Hamburg bietet vergleichbare Möglichkeiten wie München, die Stadien waren vergleichbar groß, der HSV verfügte seinerzeit über die gleichen Einnahmen – nach dem Sieg des Landesmeistercups sogar eher über die höheren. Wohin das HSV-Management geführt hat und wohin die Arbeit von Hoeneß lässt sich heute in der Tabelle ablesen: Bayern hat so viel Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten wie der HSV insgesamt in der Saison erspielt hat. Die Unterschiede in den finanziellen Möglichkeiten sind nur zu vermuten.

Die Kritik an Hoeneß kommt meist von Vereinen, die ihr Geld erst verschlampt haben und dann neidisch nach München blickten. Vereine wie Mainz 05, die aus ihren geringeren Möglichkeiten das Optimum rausholen, haben in der Regel ein entspanntes Verhältnis zu Hoeneß.

Ich bin links und dafür dass die Starken den Schwachen helfen. Aber Verschwendung hat für mich nichts mit Solidarität zu tun. Wenn ein Verein Geld einnimmt, soll er es ins Stadion investieren, in die Ausbildung der Jugend und in die Mannschaft. Warum es sympathischer sein soll, wenn bei einem Verein das Geld dubios versickert oder verschwendet wird, das erschließt sich mir nicht. Und dass die, die das vorgeben, zu unbestimmten Worten wie „traditionell“ oder „Kult“ greifen, zeigt, dass sie es auch nicht begründen können.

Bayern hat unter Uli Hoeneß den finanziellen Rückstand auf Vereine wie FC Barcelona oder Arsenal London aufgehoben. Und das obwohl die Bayern solidarisch sind. In Spanien und England werden die Fernsehrechte einzeln  vermarktet. In Deutschland wird das Geld in einen Topf geworfen und nach Leistung verteilt. Schätzungen zufolge verzichten die Bayern dadurch auf einen höheren zweistelligen Millionenbetrag. Eine Klage vor einem ordentlichen Gericht und die solidarische Finanzierung wäre Geschichte, der Rückstand der anderen noch größer. Solidarisch und erfolgsorientiert sein, ist kein Widerspruch.

Hoeneß wird seine Strafe absitzen. Mitleid habe ich dafür nicht. Suppe einbrocken und auslöffeln gehören zusammen. Wenn die verdiente, vielleicht noch zu niedrige Strafe abgesessen ist, bleibt für mich seine Lebensleistung – und vor der habe und behalte ich höchsten Respekt. Denn erst wer betrachtet, was aus Vereinen wurde, welche die gleichen Möglichkeiten wie Bayern Anfang der 80er hatten – 1. FC Köln, VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt oder HSV – der weiß, was Uli Hoeneß für den FC Bayern geleistet hat.