Sie machen weiter

Sie haben entschieden über Leben und Tod. Die Macht war ihre Droge. Nun sitzen sie auf Entzug. Was bleibt den einstigen Nazi-Oberen zu tun, die in den Nürnberger Prozessen mit dem Leben in Haft davon gekommen sind? Sie machen weiter.

Albert Speer war in den Schlussjahren des Zweiten Weltkrieges Rüstungsminister. Als solcher war der Architekt oberster Dienstherr über ein Millionenheer von Zwangsarbeitern, die wie Sklaven vegetierten und deren Tod billigend in Kauf genommen wurde. Trotzdem gelang es Speer im Nürnberger Prozess glaubhaft zu machen, er habe vom Holocaust nichts gewusst. Hätte er das Gegenteil zugegeben, ist seine Biografin Gitta Sereny überzeugt, hätten ihn die Richter zum Tod verurteilt.

Nun sitzt jemand wie Speer, der Millionen befehligte und stolz darauf ist, dass ohne ihn der Zweite Weltkrieg nichts so lange gedauert hätte, im Gefängnis. Die Auflagen sind streng. Schreiben darf er offiziell nicht. Er tut es dennoch und aus dem hinaus geschmuggelten Manuskript entsteht sein Spandauer Tagebuch.

Dieses Tagebuch – mit all den Zweifeln, die an der Aufrichtigkeit des Autors notwendig sind – lässt einen Blick auf eine surreale Welt zu. Eine, die treffend als Parallelwelt beschrieben ist. Die Nazi-Bonzen sind Gefangene – leben zwischen Gartenarbeit, Nichtstun und Langeweile. Und betreiben weiter ihre Machtspiele.

Diese Konstellation greift das Theaterstück „Spandau“ auf. „Ich wollte diese Geschichte ein Stück weit einfach nur nacherzählen“, sagt der Autor Mario Thurnes. „Das ist ein durchaus realistischer Ansatz des Stückes.“ Den Streit um den Rosengarten etwa hat es tatsächlich gegeben.

„Andererseits wurde uns als Nachkriegsgeneration gerne vermittelt, die Nazis seien wie von einem anderen Stern über die Menschheit gekommen und irgendwann irgendwie sei der Spuk wieder vorbei gewesen. Das glaube ich nicht.“ Vielmehr hätten die Nazis viele Überzeugungen, Gewohnheiten und Vorlieben, die immer da waren und immer noch da sind, nur bis ins Extremste geführt. Sie haben damit vorgemacht, wohin eine Tendenz führen kann.

Viel stärker als ein realistisches Stück ist „Spandau“ eine Parodie. Dem Autor geht es dabei weniger darum, die Nazis zu entblößen. „Die sind entblößt genug.“ Sondern darum, Parallelen aufzuweisen zu Verhalten, das wir nicht mit den Nazis in Verbindung bringen würden, weil die Auswirkungen so unterschiedlich sind.

Natürlich haben die Auseinandersetzungen in einer Eigentümerversammlung eines Mietshauses nicht die tödliche Konsequenz wie die Politik der Nazis, als sie noch an der Macht waren. Sie spielen in einer ganz anderen Liga – sie folgen aber den gleichen Regeln. Dies wird an den entmachteten Nazis besonders deutlich. Dönitz und Speer spielen das Spiel längst nicht mehr, weil es um etwas geht – sondern nur noch, weil sie von dem Spiel süchtig sind.