Das Land der Frauen

Die Mutter Gottes an der Iglesia Marìa Salome in Santiago de Compostela ist nicht nur für religiöse oder kunsthistorisch interessierte Menschen interessant. Sie ist am Eingang nicht als stilisierte Jungfrau zu sehen, sondern als Schwangere – dem Symbol für Weiblichkeit schlechthin. Typisch für Galicien. Denn im Nordwesten Spaniens haben die Frauen das Sagen.

 „Galicien ist weiblich“, sagt Victoria Díaz Anido. Sie muss es wissen. Sie ist die Chefin der örtlichen Tourismus-Behörde. Eine erfolgreiche Behörde. Denn die Besucherzahlen gehen in Richtung Vollauslastung. Und das, obwohl der spanische Nordwesten – zwischen Atlantik und Kantabrischem Meer gelegen – für seine vielen Regentage bekannt ist.

Santiago de Compostela

Doch im Sommer scheint auch in Galicien meistens die Sonne und vor allem die Südspanier sind froh, dass es hier nicht ganz so heiß wird wie bei ihnen zuhause. Außerdem gibt es natürlich noch die Hauptstadt der Region – Santiago de Compostela, der Zielort des weltberühmten Jakobsweges. Dem hat der Landstrich schon seit über 1000 Jahren seinen Reichtum zu verdanken.

Apostel Jakob

Reichtum, der sich in Granit zeigt. Dem Baustoff Galiciens. „Hier in Santiago de Compostela leuchtet der Granit“, sagt ein Reiseführer. Wobei dies übersetzt ist und „Leuchten“ es nicht ganz trifft. Denn die Schönheit Galiciens, die er meint, ist eben keine Postkarten-Schönheit – es ist ein herber, faszinierender Glanz, der viel öfters unter der Oberfläche als auf ihr zu finden ist.

Schon der Himmel ist interessant – spätestens ab September. Wenn die Sonnentage nicht mehr so selbstverständlich sind und in schneller Reihenfolge kleine Wolken abgelöst werden von bedrohlichen Schauerszenarien, bis die halbe Stunde in Blau kommt, die viel schöner ist als in einer normalen Urlaubs-Destination wie Mallorca, wo der Sonnenschein zum Pauschalangebot dazugehört.

Vor allem die Buchten sind spannend, die Rias, deren Steilküsten in Atem beraubende Tiefen gehen. Viele Fischer haben hier ihren Tod gefunden. Und noch heute ist es üblich, dass Segler in Seenot geraten und durch Hubschrauber von ihren Booten und Katamaranen gerettet werden müssen.

Kein Wunder also, dass Galicien einen reichen Fundus an Legenden hat. Die werden ebenso von Christen verbreitet wie von Menschen, die sich wahlweise Druiden oder Hexen nennen – meist sind es Frauen. Galicien ist ja weiblich.


So gibt es die Legende des Fischerorts Santo André de Téixido, von dem es heißt, das alle spanischen Katholiken ihn zu Lebzeiten besucht haben müssen.Schaffen sie das nicht, müssen sie als Tote ans Cabo Ortegal pilgern – in den Körpern von Insekten. Dass das dem Ort ganz profan wirtschaftlich gut tut und Souvenirstände aus dem Boden sprießen, ist kein Gegensatz zur Spiritualität. Und die Einheimischen scheinen damit leben zu können, dass sie sonntags Morgen ihren Gottesdienst neben Touristen feiern, die es sich sichtbar schwer verkneifen können, ein Selfie von dem Geschehen zu fotografieren.

Galicische Küche

Nicht nur die Natur erinnert im grünen Galicien an Irland. Die Kultur auch. Kein Zufall. Denn beide wurden von Kelten besiedelt – und nachhaltig geprägt. Dazu gehört neben ihrer Religiosität und dem Hang zum Spirituellen auch der Wille, sich es gut gehen zu lassen, wenn es denn geht. Wie Irland auch war Galicien bis ins 20. Jahrhundert arm und rückständig, kam etwa in manche Orte erst spät fließend Wasser und wanderten viele Landeskinder aus. Buenos Aires ist heute somit nicht nur die argentinische Hauptstadt, sondern dank der Einwanderer auch die größte galicische Stadt der Welt.

Zum Es-sich-gut-gehen-lassen gehört das gute Essens Galiciens. Wie es sich für eine Küstenregion gehört ist diese von Fischen und Meeresfrüchten geprägt. Den Pulpo (Krake) gibt es als Fastfood wie bei uns Currywurst oder Pommes Frites. Doch das Hinterland versorgt die Region auch mit Kühen, Schweinen und Schafen sowie mit Kartoffeln. Sodass diese ebenfalls die galicische Küche bereichern.

Wobei es Pulpo und Konsorten nicht nur, sogar eher in Ausnahmefällen als Fastfood gibt. Die Taperien prägen das Bild. In ihnen sitzen die Galicier, essen, trinken den herausragenden Weißwein des Landes und letztlich: leben. Auch und gerade wenn es draußen regnet.