Warum ich kein Linker mehr bin - Bruch mit der SPD

Mein erster Bruch mit der SPD kam 1993/94: Die Anti-Nazi-Partei stimmte dem Asylkompromiss der CDU zu? Das Land, dessen Menschen einst politisches Asyl dringend benötigten, verwehrt faktisch jegliches Asyl? Ich wandte mich den Grünen zu.

Das hatte auch praktische Gründe: Die SPD erlaubte es mir nur, mich auf Ortsebene zu engagieren. In Hierscheid. Das bedeutete zweistündige Debatten über die Fragen, ob ortsfremden Kinder der Zugang zum Hierscheider Ostereiersuchen verwehrt werden soll und ob es eine Ei-Quote geben solle, damit nicht einige Kinder zu viele und andere zu wenige Eiere abgreifen. Das ist keine Metapher. Diese Debatte hat es wirklich gegeben.

Bei den Grünen durfte ich auf Gemeindeebene ran, verantwortete mit 20 Jahren schon die Pressearbeit im Kommunalwahlkampf, kam in den Kreisvorstand als Kassierer, leitete Kreismitgliederversammlungen und hielt Reden auf dem Landesparteitag – Gott, war ich nervös.

Doch die Saar-Grünen waren damals heillos zerstritten. Ich saß in einem Fundi-Kreisverband, hatte aber mit den Urvätern der Verbotskultur nichts gemein. Die Realos füllten das Herz eines Linken aber auch nicht mit Wärme. Als dann noch eine Lebenskrise dazu kam, erfand ich mich neu – dazu gehörte auch der Austritt bei den Grünen.

An der Stelle kürze ich ab. Auch um mir zu ersparen, erklären zu müssen, warum ich darauf hin über zehn Jahre lang zur Karteileiche in der FDP wurde. Mein Häutungsprozess begann, ebenso meine Berufslaufbahn und als ich wieder anfing, mich für Politik zu interessieren, war der Streit zwischen Realos und Fundis bei den Grünen entschieden. Das war super. Der Rest war Mist.

Denn zwischenzeitlich hatte der neoliberale Umbau des Landes begonnen – betrieben von zwei linken Parteien. Ich will an der Stelle nicht darüber diskutieren, ob es Notwendigkeiten für die Hartz-Gesetze gegeben hat. Die hat es mit Sicherheit gegeben. Aber es ist hier nicht das Thema.

Das Thema ist die Attitüde der rot-grünen Bundesregierung. Es war die Bundesregierung des sozialen Tabubruchs. Und eben nicht des Tabubruchs der Notwendigkeit wegen – sondern einige Akteure hatten sichtbar Spaß daran, von Arbeitnehmern gewählt zu werden und gegen deren Interessen zu agieren.

Die Folgen bekam ich am eigenen Leib zu spüren: Die Frankfurter Rundschau schrieb brillante Kommentare gegen die Ausnutzung der Leiharbeitsgesetze – und gründete eine Leiharbeitsfirma, in der sämtliche junge Mitarbeiter beschäftigt und an die FR dauerausgeliehen wurden, natürlich zu Löhnen weit unter dem Tarif.

Über Beteiligungen war die SPD Mitbesitzer der Rundschau. Als Jahre später SPD-Politiker behaupteten, es hätte ja nie jemand gewollt, dass Dauerausleihen zum Zwecke des Lohndumpings entstehen, wusste ich nicht: Ist das jetzt Dummheit, Verlogenheit oder Ignoranz – oder eine widerliche Melange aus allem drei?