Warum ich kein Linker mehr bin - Das Fazit

Entschuldigung. Ich bin vom Thema abgekommen. Oder auch nicht. Denn meine Vorgeschichte ist wichtig, um zu wissen, warum ich heute kein Linker mehr bin. Obwohl ich immer noch dafür bin, dass die Gesellschaft einspringt, wenn jemand krank wird. Dass Profite in Form von Löhnen so geteilt werden, dass nicht 70 Menschen mehr besitzen als der ganze Rest. Oder dass Arbeitnehmerrechte ausgebaut werden.

Doch diese Themen finden in den linken Parteien kaum noch oder gar nicht mehr statt. Die linken Aktivisten kommen zu einer überwiegenden Mehrheit aus akademischen, sprich wohlhabenden Verhältnissen. Ihre Themen sind Frieden, Gleichberechtigung und vernünftiges Leben. Das ist gut.

Blöd ist nur. Die Leute aus dem Milieu, aus dem ich komme, müssen von 1000 Euro netto im Monat fünfköpfige Familien ernähren. Da fällt es schwer, fünf Euro für den Laib Brot zu bezahlen, auch wenn der glutenfrei ist, verträglich für Laktose-Intolerante, aus fair gehandeltem Weizen und von einer Bauernfamilie kommt, die sich in Nicaragua-Projekten engagiert.

Meine Leute erwarten vom Staat, dass er ihnen hilft, wenn sie in Not sind. Dass er ihren Kindern das Schwimmen ermöglicht und vor allem ihre Schulbildung. Sie können darauf verzichten, dass es neben den öffentlichen Toiletten für Männer und Frauen auch noch welche für sexuell Unentschlossene gibt und für welche, die sich wechselnd zugehörig fühlen und für…

Sie verstehen vielleicht, dass neben dem Elektriker auch noch die Elektrikerin erwähnt werden soll. Aber warum es gleich 200 Lehrstühle für Gender-Studis geben muss, ist für sie nicht nachvollziehbar. Oder warum die auch dann nicht überflüssig werden, wenn alle Menschen bereitwillig von Elektriker_*Innenix sprechen.

Nur bestimmen solche abwegigen Themen heute die Jungaktivisten der linken Parteien. Vor allem bei den Grünen: Ein Arbeitskreis zu gerechter Bezahlung wird gähnend leer bleiben. Vielleicht füllt er sich mit Nerds, wenn es um gerechte Bezahlung in der digitalen Welt geht. Aber er wird nie so voll sein wie ein Arbeitskreis zum Thema „Können wir Fleisch verbieten?!?“. Der würde sogar noch die Untergruppe „Auch manche Tofu-Sorten müssen kritisch gesehen werden“ hergeben. Auch bei den Linken und in der SPD wächst die Zahl der Aktiven, die sich lieber mit Lifestyle als mit Sozialstaat auseinander setzen.

Deswegen bin ich nicht mehr Links. Ich möchte mit diesem Wohlstands-Sozialismus nicht verwechselt werden. Ich bin nicht für Politik aus dem Bauch – sondern für welche aus dem Hirn. Manche meiner Anliegen finde ich in keiner Partei mehr, andere mal bei der, dann andere wieder bei einer anderen Partei. Und was ich mir 1989 nicht hätte vorstellen können: Die CDU darf da ruhig auch dabei sein.

Ich entscheide mich zu jeder Wahl neu, was ich wähle. Andererseits hat es mir auch noch nie geschadet, mich neu zu erfinden – muss ja dafür nicht unbedingt eine Lebenskrise geben.