Warum ich kein Linker mehr bin

Mein Stiefvater ist Bergarbeiter und hat bis zu seinem Ruhestand – und darüber hinaus – gehofft, dass die Kohle im Saarland noch zu retten wäre. Mein Vater war Maurer, hat sich weitergebildet und hat es vor seinem Unfalltod zu einem der ersten EDV-Experten in einer Frankfurter Versicherung geschafft. Ich selber war das einzige Arbeiterkind in meiner ersten Klasse auf dem Gymnasium und mache heute „irgendwas mit Medien“: In mehr SPD-Milieu als ich kann kein Mensch groß werden. Und dennoch – oder gerade deswegen – bin ich heute kein Linker mehr.

Als meine Eltern und vor allem meine Großmutter anfingen, mir die politische Welt zu erklären, konnte ich eins nicht verstehen: Wenn die SPD die Interessen der Arbeitnehmer vertritt und die CDU die der Arbeitgeber, warum verliert dann die SPD die Bundestagswahl 1987 so deutlich? Es gibt doch viel mehr Arbeitnehmer als Arbeitgeber.

Mein politisches Erweckungserlebnis war die Berliner Senatswahl im Frühjahr 1989: Der Einzug der Republikaner erschütterte, die feiste Bierseligkeit von Herrn Schönhuber ekelte mich. Ich bin groß geworden mit Filmen, in denen die Deutschen, meine Leute die Bösen waren und mit der Frage: Wie konnte „das“ damals passieren? Herr Schönhuber und seine Gefolgsleute waren eine erste Antwort darauf.

Meine erste Partei war die SPD. Zum einen weil sie die Partei war, die gegen Nazis gestanden hat – „Die SPD ist wehrlos, aber sie ist nicht ehrlos“. Zum andern hat sie die besagte Senatswahl gewonnen und welcher junge Mensch geht nicht gerne mit den Gewinnern. Und letztlich hat es eine Rolle gespielt, dass mit Oskar Lafontaine ein Landsmann Spitzenkandidat war. Gut, Vorsitzender war Hans-Jochen Vogel. Aber was ein Parteivorsitzender soll, wenn jemand anderes Kanzlerkandidat wird, habe ich damals nicht verstanden – das tue ich heute übrigens immer noch nicht.

Dann kam der Fall der Mauer. Was wunderschön war. Und das Ende des Kommunismus. Was auch richtig war, viele Linke aber in eine Sinnkrise geführt hat. Von 2004 bis 2009 habe ich für das linke Blatt Frankfurter Rundschau gearbeitet – da war diese Sinnkrise immer noch nicht vorbei.

Ich war weniger erschütterbar als meine Genossen: Gemeinschaftliches Geld für Kranke oder Arbeitslose stand für mich nicht in Frage, Lohnerhöhungen in profitablen Unternehmen waren selbstverständlich. Und natürlich sollte der Arbeitnehmerschutz eher ausgebaut als eingestampft werden. Doch die Zeit war gegen mich: Die Kosten der Einheit und die einsetzende Globalisierung sorgten dafür, dass meine Themen in Bewegung kamen – nur halt in die falsche Richtung.


Mein erster Bruch mit der SPD kam 1993/94: Die Anti-Nazi-Partei stimmte dem Asylkompromiss der CDU zu? Das Land, dessen Menschen einst politisches Asyl dringend benötigten, verwehrt faktisch jegliches Asyl? Ich wandte mich den Grünen zu.

Das hatte auch praktische Gründe: Die SPD erlaubte es mir nur, mich auf Ortsebene zu engagieren. In Hierscheid. Das bedeutete zweistündige Debatten über die Fragen, ob ortsfremden Kinder der Zugang zum Hierscheider Ostereiersuchen verwehrt werden soll und ob es eine Ei-Quote geben solle, damit nicht einige Kinder zu viele und andere zu wenige Eiere abgreifen. Das ist keine Metapher. Diese Debatte hat es wirklich gegeben.

Bei den Grünen durfte ich auf Gemeindeebene ran, verantwortete mit 20 Jahren schon die Pressearbeit im Kommunalwahlkampf, kam in den Kreisvorstand als Kassierer, leitete Kreismitgliederversammlungen und hielt Reden auf dem Landesparteitag – Gott, war ich nervös.

Doch die Saar-Grünen waren damals heillos zerstritten. Ich saß in einem Fundi-Kreisverband, hatte aber mit den Urvätern der Verbotskultur nichts gemein. Die Realos füllten das Herz eines Linken aber auch nicht mit Wärme. Als dann noch eine Lebenskrise dazu kam, erfand ich mich neu – dazu gehörte auch der Austritt bei den Grünen.

An der Stelle kürze ich ab. Auch um mir zu ersparen, erklären zu müssen, warum ich darauf hin über zehn Jahre lang zur Karteileiche in der FDP wurde. Mein Häutungsprozess begann, ebenso meine Berufslaufbahn und als ich wieder anfing, mich für Politik zu interessieren, war der Streit zwischen Realos und Fundis bei den Grünen entschieden. Das war super. Der Rest war Mist.

Denn zwischenzeitlich hatte der neoliberale Umbau des Landes begonnen – betrieben von zwei linken Parteien. Ich will an der Stelle nicht darüber diskutieren, ob es Notwendigkeiten für die Hartz-Gesetze gegeben hat. Die hat es mit Sicherheit gegeben. Aber es ist hier nicht das Thema.

Das Thema ist die Attitüde der rot-grünen Bundesregierung. Es war die Bundesregierung des sozialen Tabubruchs. Und eben nicht des Tabubruchs der Notwendigkeit wegen – sondern einige Akteure hatten sichtbar Spaß daran, von Arbeitnehmern gewählt zu werden und gegen deren Interessen zu agieren.

Die Folgen bekam ich am eigenen Leib zu spüren: Die Frankfurter Rundschau schrieb brillante Kommentare gegen die Ausnutzung der Leiharbeitsgesetze – und gründete eine Leiharbeitsfirma, in der sämtliche junge Mitarbeiter beschäftigt und an die FR dauerausgeliehen wurden, natürlich zu Löhnen weit unter dem Tarif.

Über Beteiligungen war die SPD Mitbesitzer der Rundschau. Als Jahre später SPD-Politiker behaupteten, es hätte ja nie jemand gewollt, dass Dauerausleihen zum Zwecke des Lohndumpings entstehen, wusste ich nicht: Ist das jetzt Dummheit, Verlogenheit oder Ignoranz – oder eine widerliche Melange aus allem drei?


Entschuldigung. Ich bin vom Thema abgekommen. Oder auch nicht. Denn meine Vorgeschichte ist wichtig, um zu wissen, warum ich heute kein Linker mehr bin. Obwohl ich immer noch dafür bin, dass die Gesellschaft einspringt, wenn jemand krank wird. Dass Profite in Form von Löhnen so geteilt werden, dass nicht 70 Menschen mehr besitzen als der ganze Rest. Oder dass Arbeitnehmerrechte ausgebaut werden.

Doch diese Themen finden in den linken Parteien kaum noch oder gar nicht mehr statt. Die linken Aktivisten kommen zu einer überwiegenden Mehrheit aus akademischen, sprich wohlhabenden Verhältnissen. Ihre Themen sind Frieden, Gleichberechtigung und vernünftiges Leben. Das ist gut.

Blöd ist nur. Die Leute aus dem Milieu, aus dem ich komme, müssen von 1000 Euro netto im Monat fünfköpfige Familien ernähren. Da fällt es schwer, fünf Euro für den Laib Brot zu bezahlen, auch wenn der glutenfrei ist, verträglich für Laktose-Intolerante, aus fair gehandeltem Weizen und von einer Bauernfamilie kommt, die sich in Nicaragua-Projekten engagiert.

Meine Leute erwarten vom Staat, dass er ihnen hilft, wenn sie in Not sind. Dass er ihren Kindern das Schwimmen ermöglicht und vor allem ihre Schulbildung. Sie können darauf verzichten, dass es neben den öffentlichen Toiletten für Männer und Frauen auch noch welche für sexuell Unentschlossene gibt und für welche, die sich wechselnd zugehörig fühlen und für…

Sie verstehen vielleicht, dass neben dem Elektriker auch noch die Elektrikerin erwähnt werden soll. Aber warum es gleich 200 Lehrstühle für Gender-Studis geben muss, ist für sie nicht nachvollziehbar. Oder warum die auch dann nicht überflüssig werden, wenn alle Menschen bereitwillig von Elektriker_*Innenix sprechen.

Nur bestimmen solche abwegigen Themen heute die Jungaktivisten der linken Parteien. Vor allem bei den Grünen: Ein Arbeitskreis zu gerechter Bezahlung wird gähnend leer bleiben. Vielleicht füllt er sich mit Nerds, wenn es um gerechte Bezahlung in der digitalen Welt geht. Aber er wird nie so voll sein wie ein Arbeitskreis zum Thema „Können wir Fleisch verbieten?!?“. Der würde sogar noch die Untergruppe „Auch manche Tofu-Sorten müssen kritisch gesehen werden“ hergeben. Auch bei den Linken und in der SPD wächst die Zahl der Aktiven, die sich lieber mit Lifestyle als mit Sozialstaat auseinander setzen.

Deswegen bin ich nicht mehr Links. Ich möchte mit diesem Wohlstands-Sozialismus nicht verwechselt werden. Ich bin nicht für Politik aus dem Bauch – sondern für welche aus dem Hirn. Manche meiner Anliegen finde ich in keiner Partei mehr, andere mal bei der, dann andere wieder bei einer anderen Partei. Und was ich mir 1989 nicht hätte vorstellen können: Die CDU darf da ruhig auch dabei sein.

Ich entscheide mich zu jeder Wahl neu, was ich wähle. Andererseits hat es mir auch noch nie geschadet, mich neu zu erfinden – muss ja dafür nicht unbedingt eine Lebenskrise geben.