Schwermut des Saarländers

Die Saarländer werden entweder als frankophil oder als einfach gestrickte Frohnaturen dargestellt. Ein Fehler. Dem kleinsten Flächenland fehlen die Literaten, die den Charakter der Saarländer widergeben könnten. Er ist von den Klischees weit entfernt.

Der Quatsch, die Saarländer hätten französische Lebenskultur, verdient nicht mehr als eine Zeile. Auch weil es revisionistisch wäre, darauf hinzuweisen, dass es umgekehrt ist und Lothringer oder Elsässer eher deutsche Wurzeln haben. Deswegen: dazu nichts.

So isses
So isses

Schon interessanter ist das Bild des simplen und immer fröhlichen Schwenkers und Karlsbergtrinkers. Dann da stimmen wenigstens Schwenker und Karlsberg. Von Maggi sei hier mal nicht die Rede. Wer aber je ein Fläschchen Ur-Pils getrunken hat, weiß: Das ist kein Partybier. Bitter und vergällt wird es am besten in dunklen Kneipen in sich rein gesuckelt in Münder, deren Gesichter trostlos ins Leere starren.

Nur hat das Saarland keine großen Schriftsteller hervor gebracht, die diese Atmosphäre wieder geben könnten oder sogar in schöne Geschichten verpacken. Immerhin: Wenigstens die entsprechenden Bilder gemalt hat der Dichter Johannes Kühn, aber genrebedingt fehlen die Geschichten. Ein Ausfall ist Ludwig Harig, dessen Geschichten vom Krieg in jedem Schüleraufsatzwettbewerb spannender dargestellt werden. Und gänzlich hinter Gitter gehören all die, die das Klischee vom fröhlichen Saarländer in die Welt setzen.

Fahrstuhl in die Hölle
Fahrstuhl in die Hölle

Saarländische Kneipen sind düster. Man verliert sich in ihnen. Und selbst wenn Szene-Wirte am Sankt Johanner Markt versuchen, das Elend mit Neonlicht zu überstrahlen, der Moder der Schwermut gewinnt und holt sich allmählich seine Atmosphäre zurück. Das Saarland ist auch keine Glücksbärchenwolke. Pascal hat hier gelitten. Und andere. Als die ARD in einer denkwürdigen Serie die berühmtesten Kriminalfälle darstellte, spielten drei der ersten acht Folgen im Saarland – überdurchschnittlich.

Und wo soll denn die leichtfertig gezeichnete Fröhlichkeit auch herkommen? Jahrzehnte ist die Mehrheit des Landes unter Tage gefahren, hat in Dunkelheit geschwitzt, gefroren und knüppelhart gearbeitet. Daraus entwickelte sich Härte auch in anderen Lebensbereichen - klar. Auch Stolz auf das Geleistete, ja natürlich. Aber wer in der Grub schafft, den Garten bestellt und im Haus knaupt, der wird kein lebensfremder Leichtfuß. Der wird höchstens misstrauisch, wenn ihm jemand immer gut Gelauntes begegnet und wird ihn als Dummschwätzer abtun. Berschleid lässt sich ohne Leid nicht sagen.

Berschleid fahren heute Taxi

Alles Geschichte. Ein Heer altgedienter Berschleid fährt heute Taxi, jobbt in Kneipen oder ist ganz auf Hartz IV. Der Stolz stirbt weg und weicht dem Frust. Fröhlicher macht dies niemanden. Und vielleicht rührt da die Sinnsuche her, die vor Ort verbleibende Saarländer in das Selbstbild des immer Fröhlichen flüchten lässt. Was kaum zu beklagen ist. Auf Sinnsuche sind Menschen schon in ganz anderes geflüchtet.

Natürlich wäre ein Artikel über saarländische Selbstbilder ohne den Namen Heinz Becker nicht komplett. Er verkörpert die ganze Misere in sich: Alle sehen nur den Quatschkopp und keiner den Schwermut einer kleinbürgerlichen Familie im Post-Arbeiter-Milieu. Für den Außenstehenden ist das Weihnachten der Beckers halt lustig - für die Familie nicht.