Es war doch gut gemeint

Minderheiten vor Diskriminierung zu schützen, vor allem vor sprachlicher – kann solch ein Versuch überhaupt zu etwas Schlechtem führen? Ja, sagen die beiden Münchner Publizisten Daniel Ullrich und Sarah Diefenbach in ihrem Buch „Es war doch gut gemeint“. Sie gehen der Frage nach, „wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört“.

 

Deutschland ist eine atheistische Nation geworden. Die Konfessionslosen stellen mittlerweile die größte Bevölkerungsgruppe, wenn Katholiken und Evangelische separat gezählt werden. Doch eine „Religion“ gewinnt laut Ullrich und Diefenbach an gesellschaftlichem Einfluss: die Political Correctness.

Wohltuend an dem Buch ist der Hintergrund der Autoren. Ullrich ist Medieninformatiker, Diefenbach Professorin für Wirtschafts- und Organisationspsychologie an der Ludwig-Maximilian-Universität. Statt einer weiteren feuilletonistischen Arbeit zum Thema, haben sie eine wissenschaftlich nüchterne Analyse abgeliefert. Wobei der sachliche Ton den Eindruck nicht mindert, den „Es war doch gut gemeint“ macht – im Gegenteil.

Eben jene Sachlichkeit haben die Anhänger der Political Correctness verloren, so die These der beiden Autoren. Stattdessen haben sie einen Kult erschaffen, der religiöse Züge trage: Begriffe und Regeln seien nicht klar definiert. Handlungsweisungen hätten die Normkraft von Dogmen. Ergeben sich Widersprüche durch zwei Dogmen, werde die Existenz dieser Widersprüche geleugnet oder durch Hilfskonstruktionen negiert. Und vor allem: Anhänger der Political Correctness würden intolerant. Denn: Dogmen können nicht diskutiert werden.

Der Kern der Political Correctness ist für die Autoren der „Opferkult“. Dieser teilt die Welt in Gruppen auf, die zu Opfern werden können. In den USA, wo die Political Correctness herstammt, sind dies vor allem Schwarze. In Deutschland gelten Flüchtlinge als zu schützende Opfergruppe – aber auch Frauen oder Homosexuellen.

Schwierig wird es, wenn es zum Konflikt kommt, in denen eine Opfergruppe zum Täter wird. Als Beispiel dafür nennen Ullrich und Diefenbach die erste Kölner Silvesternacht, in der vorwiegend aus Nordafrika stammende Täter Frauen belästigten, nötigten und ausraubten. Dieser Vorfall habe die PC-Szene gezwungen, die Tat zu negieren und umzudeuten. Dies geschehe häufig durch Whataboutismus – also Argumenten wie: Sexuelle Übergriffe gingen häufig auch von weißen Männern aus, also müsse der Vorfall in diesem Kontext diskutiert werden. Dass der Vorfall an sich dann vergessen wird, sei von den PC-Anhängern durchaus gewünscht.

Als Beispiel liefern Ullrich und Diefenbach den Auftritt von Grünen-Chefin Simone Peter am Neujahrtag ein Jahr danach. Die Kölner Polizei hatte in der Silvesternacht einer größeren Gruppe, vorwiegend aus Nordafrika stammend, Platzverbot erteilt und diese in einem Tweet als „Nafri“ bezeichnet, nordafrikanische Intensivtäter. Nachdem Peter für ihre Kritik am Einsatz der Polizei öffentlich massiv kritisiert worden war, lenkte sie die Aufmerksamkeit auf die Verwendung des Wortes Nafri. Statt über die Frage, ob und gegebenenfalls warum eine Gefährdergruppe an einem noralgischen Tag unterwegs zu einem noralgischen Ort war, wurde über den Rassismus diskutiert, der von diesem Wort ausgehe.

Der Rassismusvorwurf ist ohnehin eine der am häufigsten genutzten Waffen der PC-Szene. Ein breites Spektrum an Personen hat sich diesem schon ausgesetzt gesehen: vom grünen Oberbürgermeister Boris Palmer bis hin zum Polizeigewerkschafter Rainer Wendt. Dies führt zu Konsequenzen: Da Letztere „von Vertretern der PC-Ideologie bereits mit den stärksten Geschützen, dem Rassismus- und dem Nazivorwurf, beschossen werden, können die wahren Rassisten frei agieren und ihre Parolen skandieren.“

Die Verharmlosung des tatsächlichen ist für die Autoren nur eine negative Folge der Fehlentwicklung der PC-Bewegung. Wer sich auf die Political Correctness berufe, neige zu Intoleranz. Im privaten Umfeld führe dies dazu, dass widersprüchliche politische Debatten aus Angst vor Zerwürfnissen nicht mehr geführt würden.

Im gesellschaftlichen Umfeld schränke die Political Correctness die bürgerlichen Freiheiten auf. Die beiden Autoren führen Fälle auf, in denen Debatten zu rechten Thesen nicht mehr geführt werden können, weil diese von linken PC-Anhängern attackiert werden. Das NetzDG sei ein Beispiel, wie aus der Motivation der Political Correctness heraus, die Meinungsfreiheit eingeschränkt und die Trennung der Gewalten aufgehoben wird.

Schon jetzt führe die Political Correctness zu einer Gegenbewegung. Deren prominentester Vertreter ist Donald Trump. Die Autoren befürchten einen Clash zwischen PC- und Gegenbewegung: „Wenn dem Wirken der PC kein Einhalt geboten wird, ist es nicht die Frage, ob diese Entwicklung einsetzt, sondern vielmehr wann und wie im Detail. Der Eskalationsmechanismus, der letztlich zur Selbstzerstörung der Gesellschaft führt, ist in den Grundfesten der PC-Ideologie schon angelegt. Fraglich ist dennoch, was sie alles noch mit sich in den Abgrund reißen wird – je nachdem ob Gegenbewegungen irgendwann vollständig unterdrückt und kontrolliert werden können, was einem Überwachungsstaat entspricht, oder ob sie militant werden und es zur totalen Eskalation kommt.“