Der Bürgersteig

Saarländer im Exil, 14: Nichts ist so deutsch wie ein Bürgersteig. Und nur wenig verbindet den Saarländer kulturell derart stark mit dem Reich. Doch dieses Kulturgut droht zu verschwinden.

 

Schon das Wort: Bürgersteig. In einem Land, in dem sich die Menschen immer noch schwer damit tun, den inneren Untertanen abzulegen und sich zu Freisinn und Selbstbewusstsein zu bekennen – in einem solchen Land kann eine Institution, die dem Bürger verpflichtet benannt ist, gar nicht hoch genug gelobt werden.

Doch der Bürgersteig droht zu verschwinden. So wie in Den Haag. Die niederländische Hauptstadt kennt keine Bürgersteige mehr: Alles verschwindet in einem einzigen großen Platz, auf dem Fahrräder und Motorroller den Menschen näher um die Ohren fliegen als die Meteoriten Luke Skywalker auf der Flucht.

Der gute alte Bürgersteig ist ein Ruhehort. Ein Ort romantischer Werte: Sich zurückziehen können. Sich auch mal irrational verhalten können. Und vor allem – umsonst teilhaben können. Wenn auch auf dem untersten Level der Mobilität, aber doch umsonst teilhaben können.

In Den Haag schreit dir jeder Meter entgegen: Hab Geld! Gib Geld aus! Hast du etwa kein Geld, du… Ach, Sie haben Geld? Nice to meet you? Can I help you? Have a nice evening! In Den Haag gibt es Service. Aber eine Ruhezone gibt es nicht.

Zumindest nicht für Bürger. Wer ruhen will, zieht sich in Ecken zurück. Steht dort und sieht dabei so aus, dass der Bürger fürchtet, von ihm ausgeraubt und gemeuchelt zu werden. „Lumpenproletariat“, hat die SPD so etwas mal vor einer langen, langen Weile genannt. Ein besseres Wort ist seitdem nicht nachgerückt. „Gammler“ hat einen ehrenwerten zweiten Platz erreicht.

Sein Bürgersteig ist für den Saarländer sein Anteil an der Gesellschaft: Wenn Laub liegt, musst du das wegkehren! Wenn Schnee liegt, musst du räumen! Denn wenn was passiert, musst du bezahlen. Der Saarländer erfährt schon als Kind über den Bürgersteig, was seine Bürgerpflichten sind. Und so kehrt er, schnippt Schnee und kommuniziert mit seinen Nachbarn.

Natürlich ist es nicht verboten, wenn jemand Fremdes auf meinem Bürgersteig parkt. Aber das sollte er nicht. Denn irgendwie gehört sich das nicht. Und man kann immer noch ganz genau hingucken, ob der nicht doch was Verbotenes macht. Der Fremde. Liegt doch nahe. Ich mein, Fremder. Und dann parkt er noch auf meinem Bürgersteig. Ungefragt.

Wer diesen Text als urbane Elite liest, der sollte weiter seinen Hatschi-Latte trinken, sein Gegenüber für dumm und nichtswürdig – und sich selbst für den Schlüssel zur Welt halten. Mit anderen Worten: So wie immer.

Aber wer noch einen Bürgersteig vor der Haustür hat, der sollte rausgehen. Sich auf den Bürgersteig stellen und froh sein, dass es das gibt: Einfach teilhaben, umsonst, sich sicher fühlen und sich auch mal irrational verhalten. Doch, so was gibt es. Noch.

Fußnoten: Romantisch ist auch ein definierter Gattungsbegriff. Nicht nur ein Synonym für Vorspiel. Und was die Passage mit dem parkenden Fremden betrifft, liebe urbane Eliten, natürlich ist das voll Nazi, wie alles, was nicht wie ihr ist. Aber das hatten wir ja schon.