Uli Hoeneß, das Feindbild

Uli Hoeneß hat angekündigt, nicht mehr als Präsident des FC Bayern München zu kandidieren und damit seinen allmählichen Rückzug eingeleitet. Für einen 67-Jährigen ein ganz normaler Vorgang – und doch ein Einschnitt nicht nur für die Welt des Sports.

1990 haben wir in der Katholischen Jugend eines dieser lahmen Psychospielchen gemacht, die in christlichen Jugendbewegungen so beliebt sind: „Schreibt die drei auf, denen ihr am meisten vertraut!“ Meine Eltern, mein Lehrer oder Gott wären sozial erwünschte Antworten gewesen. Ich habe „Uli Hoeneß“ auf den Zettel geschrieben.

Zum einen stimmte es. Zu dieser Zeit konnte man sich in der Auswahl von Transfers blind auf Uli Hoeneß verlassen. Zum anderen war es die maximale Provokation. Für das deutsche Irgendwie-Links-Umfeld war Uli Hoeneß das Feindbild schlechthin. Saddam Hussein als vertrauenswürdig zu benennen, hätte für weniger Ärger gesorgt.

Warum war Hoeneß das Feindbild schlechthin? Die deutsche Linke war einst materialistisch und wollte den Arbeiter befreien. Als sie bemerkte, dass der sich gar nicht befreien lassen will, wischen ihre bürgerlichen Protagonisten aus und rutschten in den idealistischen Spiritualismus ab, der uns heute Blüten wie Kevin Kühnerts Enteignungsphantasien oder klimaschutzmotivierte Freiheits-Einschränkungen beschert.

Uli Hoeneß war das genaue Gegenteil. Er war materialistisch. So konsequent wie kaum ein anderer. Und auch so erfolgreich wie kaum ein anderer. Und er war ein Vorkämpfer der Freiheit. Niemand traute sich, so konsequent aus dem Sprechblasen-Gefängnis auszubrechen, in das der deutsche Nachkriegsgeist sich gerne selbst einsperrt.

Seine Interviews waren ein Leuchtturm in einer drögen Medienlandschaft: Mit Verve. Mit Witz. Und auch mal mit Wut. Wenn Uli Hoeneß loslederte, krachte es. Als in den 80ern erstmals die Bundesliga-Fußballrechte an einen Privatsender gingen, an RTL, machten deutsche Journalisten, was sie am liebsten tun: Sie warnten vor den Folgen. Weltuntergang inklusive.

Die Fußballwelt reagierte, wie alle auf medialen Druck reagieren: Heuchlerisch. „Wir müsse aufpassen… drucks drucks… Kommerzialisierung nicht übertreiben… Verfügbarkeit des Volksports…“ gaben sich Sportfunktionäre wie Willi Lemke gutmenschlich, während sie den Ständer wegdrückten, den sie ob des neuen Geldregens hatten. Nicht Uli Hoeneß.

Der Bayern-Manager freute sich offen und mahnte an, das Fernsehen müsse endlich den Wert aufbringen, den der Fußball für es habe. In der Radio-Bundesligakonferenz kommentierte ein SR-Moderator: Solche Worte sollten künftig im Hinterkopf sein, wenn über Uli Hoeneß berichtet werde. So viel zur journalistischen Neutralität.

Doch das Beste an Uli Hoeneß war. Man konnte ihn diffamieren. Man konnte ihm immer und in allem widersprechen. Aber keiner kam an einem Fakt vorbei: an seinem Erfolg. Hass auszuspucken verliert an Genussfaktor, wenn man sich zwischendurch ein „Erfolg“ durch die Zähne knurren muss.

Uli Hoeneß war ein Großer. Auch in seinen Fehlern. Sein Steuerbetrug war ein schweres Verbrechen und wurde entsprechend bestraft. Es läutete ein Goldenes Zeitalter der Heuchelei ein: Ersttäter, soziales Umfeld, Perspektive oder Mitwirkung an der Aufklärung. Alles was im deutschen Rechtssystem seit 1945 als strafmildernd wirkt, wurde nicht mehr anerkannt. Hängt ihn höher, lautete die Parole.

Es war die Chance, mit Uli Hoeneß abzurechnen. Es war die Chance, stellvertreterhaft mit dem gesamten Materialismus abzurechnen. Fairness, Gleichbehandlung vor dem Gesetz, Rehabilitation. All das galt nicht mehr.

Ein Menschenschlag, der sich für die Resozialisierung von Mördern, Terroristen oder Vergewaltigern einsetzt, will davon bei Hoeneß nichts wissen. Fällt sein Name, rufen sie „vorbestraft“ – mit der zuverlässigen Reflexartigkeit eines Kleinkindes. Von linken Geistern werden sie für diesen so wahnsinnig originellen Einwurf noch gefeiert – so viel zur Qualität des linken Geistes in Deutschland.

Die traurige Wahrheit: Das Gefängnis hat Uli Hoeneß gebrochen. Seine Auftritte haben Witz und Verve früherer Tage verloren. So wirkte er zuletzt medial wie ein Zombie, der vom Friedhof der Kuscheltiere zurückgekehrt ist: die gleiche Hülle, aber ein anderer Mann. So gesehen ist sein Rücktritt konsequent und gut. Es ist bitter das auszusprechen. Aber wenn mich Uli Hoeneß eins gelehrt hat, dann auch Unbequemes offen auszusprechen.