Dummschwätzer

Saarländer im Exil, Teil zwei: Das Saarland ist vieles – aber totalitär ist es nicht. Seine Exilanten dürfen nach Belieben heimkommen. Allerdings wartet da mancher Kulturschock. Etwa eine Sprache, die eigentlich vertraut sein müsste.

Die Saarländer waren nie reich. Für die Wenigen, die’s wie die Herren Stumm oder Röchling geschafft haben, konnte man Denkmäler bauen. Der Rest hat sich mühevoll sein Geld „unnerdahch“, „uffmbau“ oder „ofm Agga“ verdient. Das hat den Saarländer geizig gemacht. Eine Eigenschaft, die auch seine Sprache prägt.

Seine Rede ist vom Kleingeld der Konsonanten geprägt. Die Scheine mit den Vokalen hält der Saarländer vornehm zurück. „Novend“ lautet zum Beispiel die Begrüßung, die er sich auf dem Bürgersteig zu raunzt. Was nicht nur herrlich sparsam in der Lautmalerei ist, sondern auch noch den schmalen Grat bewältigt zwischen dem Nachkommen sozialer Pflichten und dem deutlichen Signal: „Loss mer mei Ruh.“

Am Morgen ist der Saarländer anders. Das „Moorjeh“ ist für seine Verhältnisse ein Vokalrausch. Andererseits treffen Saarländer vor 12 Uhr nur die Menschen, die ihnen auf dem Weg vom Bett übers Bad zum Auto über den Weg laufen. Da das überschaubar wenige sind, sind sie zu dieser ihnen wesensfremd geschwätzigen Variante nur selten gezwungen. Und dem Heiteren an „Moorjeh“ wird viel von seiner Strahlkraft genommen, wenn der Blick dabei nicht auf die Partnerin sondern auf den leeren Raum an ihr vorbei fällt.

Der Berliner ist unter den Dialekten der Brasilianer. Begnadet und verspielt. Der Rheinländer ist wie Holland: Genauso begnadet, aber halt auch schnell selbstverliebt, überheblich und nicht mehr zielgerichtet. Der Saarländer hingegen ist Italien: Hinten solide stehen, nur selten angreifen, dann aber ein Tor machen und sich wieder zurück ziehen.

Der Italiener unter den Dialekten

Ähnlich wie der Italiener beim Fußball den Catenaccio hat der Saarländer aus seiner Mundfaulheit eine Kunst entwickelt. Komplexe Zusammenhänge und ausufernde Dialoge kann er aufs knappste konzentrieren. Etwa: „Guten Tag, Herr Müller, wie geht es ihnen? Hatten Sie eine angenehme Fahrt“ Daraus würde der Saarländer „Gudde“ machen. Vielleicht noch „Gudde, un?“ – wenn er euphorisch drauf ist.

Das hat Folgen: Denn egal ob Skat, Dulles, Wutz – es gibt wenige Länder, in denen so viele Kartenspiele verbreitet sind wie im Saarland. Was logisch ist. So kann der Saarländer zusammen sitzen, ohne viel reden zu müssen.

Für viele Vorgänge kennt der Saarländer keine eigenen Begriffe: Korruption oder ins Bordell gehen sind Themen, die ihm nicht der Rede wert sind, deswegen hat er auch keine Ausdrücke entwickelt. Ein Politiker, der Schmiergeld genommen hat, ist ihm höchstens ein „allmoh“ wert. Da regt er sich nicht drüber auf. Geschwätzigkeit ist ihm aber zuwider. Dafür hat er einen Ausdruck, der republikweit bekannt ist und zu dem schlimmsten gehört, was er einem anderen an den Kopf werfen kann: „Dummschwädza!“