Weil mer stolz sinn

Saarländer im Exil, Teil vier Der Saarländer ist Nationalist. Aber keiner von den unsympathischen. Manchmal nervt er – das mag sein. Aber die Motive des Saarländers Nationalist zu sein, sind lauter.

Nazis sehen oft aus wie Leute, die keinen Grund haben, auf irgendetwas stolz zu sein. Folglich überrascht es nicht, wenn sie ihre Herkunft überbetonen. Was natürlich kein Zeichen für Schwäche ist – sondern ein Brandzeichen für Schwäche.

Der Saarländer ist das Gegenteil vom Nazi. Zugegeben: Häufig genug überbetont auch er seine Herkunft. Aber es ist eine andere Aussage. Wenn er sagt, er sei stolz darauf, Saarländer zu sein, sagt er nichts anderes als: Klar bin ich ein Looser, aber ich steh dazu.

Als Saarländer ist er von Kind an dran gewöhnt, mit Niederlagen zu leben. Er kennt den Grundsatz, wenn ich was Gutes will, muss ich woanders hin: Für Jobs, fürs Studium. Selbst banale Dinge wie Freizeitparks oder Ferienflüge verlangen ein Verlassen der Heimatgrenzen. Noch peinlicher ist es, wenn er mit Bundesrepublikanern in Vergleich tritt. Immer hat er die Schulden und sind die anderen besser. Sei es im Länderfinanzausgleich oder im Fußball.

Kaum sieht es mal so aus, als ob der 1. FC Saarbrücken wenigstens in die Zweite Liga aufsteigen könnte, legen sie wieder eine Pleitenserie hin. Und wenn sie das nicht schaffen, rechnet jemand aus, was die Finanzen des Clubs hergeben – und ein anderer zieht los: Geld borgen für Rotstifte.

Auch mit dem erfolgreiche Personen in die Welt schicken, ist das so eine Sache. Nicole war jahrelang die einzige deutsche Grand-Prix-Siegerin. Okay, das war mal ganz nett. Und Stefan Kuntz ist auch eine geile Socke – auch wenn er sein Herz dem falschen Verein verschrieben hat. Dass er aber nicht bei Borussia Neunkirchen oder dem FC Homburg anheuern wollte, kann ihm so richtig niemand übel nehmen.

Richtig schlimm wird’s, wenn wir Saarländer Politiker in die Welt schicken. Wenn’s noch gut läuft, schmeißen die nach einem halben Jahr ein Amt weg, für das sie vier Jahre gekämpft haben. Richtig blöd wird’s, wenn sie Arbeiterparadiese aufbauen und dessen Gestaltung ausgerechnet mit der Umzäunung beginnen. Erich Honecker hat für den Ruf der Saarländer in etwa so viel Gutes bewirkt wie Neville Chamberlain für den Erhalt des Friedens in Europa.

Würde der Saarländer das alles ernst nehmen, bliebe ihm nur das dumpfe Brüten. Von der Depression bewahrt ihn nur die heliumdünne Schicht des Frohsinns, den er mitunter zu demonstrativ zur Schau stellt, um noch glaubwürdig zu sein. Fürs Erzählen von Schwenker und Maggi reicht's. Aber für Nationalismus reicht’s nicht. So gut kann selbst der Saarländer die Realität nicht ausschließen.

Was ihm bleibt ist Understatement. Wenn er von seinem Bundesland spricht, nimmt er eine Körperhaltung ein, die es schafft, gleichzeitig zu sagen: Ich bin fröhlich und harmlos, nur wenn Du jetzt nicht aufpasst, nehme ich deinem Zahnarzt die eine Hälfte der Arbeit ab. Es ist dieser unverhoffte und den anderen verblüffende Moment der Stärke, die den Saarländer zum Nationalisten macht.

Die unverhoffte Stärke. Wegen ihr verpasst der Saarländer keine passende Gelegenheit – und auch keine unpassende – um seine Herkunft zu erwähnen. Besonders dann, wenn er dort ist, wo er die meisten Bundesrepublikaner trifft: östlich von Homburg.