Sex hat fünf Minuten Platz

Saarländer im Exil, Teil fünf  Zwischen Merzig und Blieskastel spielen die Menschen leidenschaftlich gerne Karten. Im Ausland wird es für den Saarländer aber schwer, Gleichgesinnte zu finden. Vor allem das Gesellschaftliche verleidet ihm das beste Blatt.

Sex, Todesfälle und Kanzlerstürze sind amüsante Themen. Und sie haben beim Kartenspielen auch ihren Platz: Die Zeit, die es dauert, bis das erste Bier serviert ist. Danach gilt die Goldene Regel: „Schwätz net, spiel Kart.“ Mit dieser Aussage eckt man als Saarländer im Asyl schon mal an.

Denn jenseits von St. Wendel heißt es oft voreilig: „Es kommt nicht drauf an, ob man gewinnt oder verliert, sondern dass man Spaß am Spiel hat.“ Das ist natürlich vollkommener Quatsch – ausgesprochen von Kaiserschnitt-Kindern, denen der Weg durch den Geburtskanal schon zu anstrengend war. Beim Spielen geht es aber darum zu gewinnen und besser noch: Darum, seinen Gegner zu demütigen.

Deshalb spielt der Saarländer so gerne Karten: Er erlebt selten genug Momente des Triumphs über andere. Zum Nazi taugt er auch nicht, weshalb er sich sein Selbstbewusstsein nicht ersatzweise über Blut, Rasse oder vergleichbare Metaphern für zufällige Geburtsumstände ziehen kann.

In heimischen Gefilden ist für den Saarländer gesorgt. Kaum eine Bierkneipe, die nicht Turniere in Skat, Dulles oder Wutz anbieten würde. Auch wenn da im Prinzip immer die gleiche traurige Stammbelegschaft sitzt, die sich von ihrem trostlosen Feierabend ablenkt. Der Vorteil bleibt: Es muss nicht geschwätzt werden, was ungeheuer entspannend ist, weil man sich eigentlich eh nur überschaubar viel zu sagen hat.

Östlich von Homburg sieht die Welt anders aus. Da muss sich der Saarländer seine Kartenbrüder mühsam unter den Bundesrepublikanern zusammen suchen. Die kommen ihm entweder mit ihrer entmutigenden Kaiserschnitt-Ideologie oder haben in ihrem Leben am Ende gar kein Kartenspiel gelernt – außer vielleicht Maumau. Was für traurige Existenzen.

Wenn sich der Saarländer dann mühsam eine Skatrunde gebastelt hat oder gar eine Doppelkopfrunde – was noch schwerer ist. Dann, ja dann sieht er sich dem Anspruch ausgesetzt, gesellig sein zu sollen. Dabei will er das Gegenteil davon: Er will Karten spielen.

Und dann beginnen die Qualen: Nach einer Serie luschigster Luschenblätter hat er endlich mal die beiden Dicken und zwei Asse auf der Hand, will reizen und rutscht schon aufgeregt auf den Pobacken herum. Doch stattdessen hat jemand völlig unnötigerweise seine Lebensabschnittsgefährtin mitgebracht und die will quasseln. Und noch schlimmer: der Skatstiefbruder geht darauf ein. Es ist entwürdigend, was Männer alles für Sex tun.

So zögert sich der Abend dann zäh hinaus. Selbst das hoffnungslose Vierfarbenspiel dauert endlose zehn Minuten. Und der Saarländer beginnt sich zu fragen, ob sich sein Gegenüber am Ende wirklich für Bürointrigen und Karrierewünsche interessiert oder ob er einfach nur ein so opportunistischer Lügner ist, dass ihm nur das Gel zum kommenden Verteidigungsminister fehlt. Aber jenseits von St. Wendel kann sich der Saarländer seine Kartenspieler ja nicht aussuchen.