Der Kieler denkt im Kreis

Saarländer im Exil, Teil sieben Eine Reise zu den Kielern zeigt: Es gibt viele Ähnlichkeiten mit den Saarländern: Die Menschen an der Förde sind kauzig aber auf ihre Weise liebenswert, verschlossen und weltmännisch zugleich und haben eine Vorstellung davon, dass früher alles besser war. Nur ihre Vorstellung vom Raum ist gewöhnungsbedürftig. Der Saarländer hat eine klare Raumvorstellung. Diese findet ihren Ausdruck im Prinzip Ortsstraße. Das da lautet: Jeder Ort hat seine Hauptstraße, die verbindet Dorf um Dorf. Von ihr gehen Zweigstraßen ab, von denen wiederum Nebenstraßen. Die Häuser sind in einer klaren Folge angeordnet, die Hausnummern leiten sich nachvollziehbar an dieser Folge ab. Die Ortsstraße ist eine Linie, der Saarländer denkt linear.
Der Kieler denkt im Kreis. Er kann keine Straße bauen, ohne dass die wenigstens eine Beuge aufweist. Die Förde zwingt ihm diese architektonische Reaktion auf. Zwar versucht der Kieler, die Kreise mit rechteckigen Häusern zu domestizieren. Doch tritt der Gast durch die Tür, ist er wieder Kreisstrukturen ausgesetzt. Er geht nach links, nach rechts, nach links, nach rechts  und ist trotzdem nicht mehr auf gleicher Höhe. Besucht ein Saarländer Kiel, wird er sich als Erstes folglich verlaufen.
Das hat aber auch sein Gutes: Der saarländische Besuch sieht ein wenig von der Stadt und kommt mit den Leuten ins Gespräch. Die sind – tja, es führt kein Weg dran vorbei – erst mal nicht nett: Knapp, patzig und an den Problemen der anderen nicht interessiert.
Doch der Saarländer hat zwei Schlüssel zum Herzen der Kieler in der Hand. Erstens: Er ist nicht anders. Zweitens: Ihn verbindet, die Tatsache, dass es früher einfach besser war. Als der Krieg noch Sache von Volksheeren war und der Russe vor der Tür stand, waren Kohle und Stahl genauso wie Schiffe und Häfen wichtiger. Kiel und das Saarland teilen daher einen gewissen Niedergang samt dem Grund dafür.
Das Träumen von früher überbrückt manches. Damals war’s besser, weil es mehr Wirtschaft gab. Damals war’s besser, weil die Umwelt intakter war. Widersprüche sind etwas für Dialektiker und Maoisten. Der Saarländer plaudert sich einfach gerne seinen Unmut aus den Knochen – der Kieler ist dabei ein guter Gesprächspartner.
Natürlich hat Kiel seine ganz eigenen Vorteile. So viel Wasser wie Kiel in der Innenstadt hat, gibt es im Saarland nicht einmal bei den Stadtwerken. Eine originär eigene Spezialität hat die saarländische Küche nicht zu bieten. Berühmt ist die nur wegen einer Wurst aus Frankreich und einem Geschmacksverstärker von der Grenze zur Schweiz. Die Kieler haben dafür Fisch – in allen Richtungen und mit vollem Geschmack.
Angesichts dieses Geschmacks macht der Saarländer, was er wirklich selten tut: Er lässt den Maggi weg. In so Momenten fühlt er sich nicht zuhause – aber wohl.