St. Pauli der Weihnachtsmärkte

In Musestunden können sich die Besucher des Crazys derzeit einen idyllischen Blick gönnen: Aus den blauen Fenstern der Frontseite schauen sie auf die Lichter des   Weihnachtsmarktes am Mainzer Hauptbahnhof, der vielleicht nicht der schönste – aber der kultverdächtigste ist.

Der Weihnachtsmarkt am Mainzer Hauptbahnhof  ist die Nummer zwei in der Stadt. Aber das ist der FC St. Pauli in Hamburg auch – und trotzdem der weit coolere Club als der HSV. Er ist kleiner, aber dafür schneller: Kein Gedrängel, kein Anstehen und einige charmante Außenseiterangebote.

Ein Wintermärchen
Ein Wintermärchen

So lockt die Fleischerei Both mit der Käse-Schinken-Wurst. Für 3,50 Euro liefert die mehr Kalorien als im chinesischen Fünfjahresplan für eine sechsköpfige vorgesehen ist. Gleich nebenan – kurze Wege sei Dank – liegt das Herz des Weihnachtsmarktes: der Glühweinstand. Der kann auch mit Obstler oder Kölsch punkten. Einige Tische umkränzen den Stand und um das Idyll komplett zu machen, läuft Schlagermusik von Nicole.

Wobei der Weihnachtsmarkt am Hauptbahnhof flexibel ist: In Momenten wie nach dem Sieg gegen Bayern München schalten die Macher auf Apresski um, ballern Ballermannhits raus und lassen bis in die Nacht lautstark feiern. Neben Idyll kann der Weihnachtsmarkt am Hauptbahnhof halt auch Party.

Das hat mitunter seinen ganz eigenen Charme. Etwa wenn ein Schiffsschaukelbremser Handzettel des Deutschen Video Rings verteilt. Mit dem kann man einen Mini Cooper gewinnen. Dafür muss der Teilnehmer nur so unwesentliche Daten wie Adresse, Mailadresse und Telefonnummer angeben. Das wirkt in etwa so vertrauenswürdig wie ein Hedgefonds der Hypo Real Estate.

Und kulinarisch geht’s weiter: Die obligatorischen Mandeln fehlen nicht und es gibt sie auch in einer Chilli-Variante. An zwei Ständen werden Crepes angeboten – mal mit Nutella, mal mit Apfelmus – an einem weiteren: Yummi-Yummi-Lassos. Die 1,50 Euro teuren Bänder sehen ein wenig wie Breitbandkabel aus und schmecken eigentlich auch so.

Wer auf dem Nachhauseweg noch ein Lastminutegeschenk braucht, wird ebenfalls fündig. Vorausgesetzt unter seinen Verwandten und Bekannte wollen Menschen mit Taschen oder Mützen beglückt werden. Für Kinder ist die Auswahl schon generöser: Wie wär’s mal mit einem Spielzeughund? Für den läppischen Preis von 5 Euro kann der wackeln und bellen. Das wird nie langweilig. Genau so wenig wie „Happy Girl“ – Barbies Schwester aus Sparta.

Apropos Nachwuchs. Deren Phantasie wird aufs derbste gereizt: mit einer Bahn durch eine Illusionswelt, in der es Weihnachtsbäume aus Pappmaschee gibt, Märchenfiguren aus dem gleichen Material, Weihnachtsbäume aus Pappmaschee und Märchenfiguren aus dem gleichen Material und – schon ist das Kind wieder bei den Eltern. „Sören-Fabien wink mal – wir sehen uns erst in zehn Sekunden wieder.“ Dazu läuft „Ein bisschen Frieden“.