Der Berschmann als König

Saarländer im Exil, Teil acht After Work Partys waren in den 90ern sowas von in, dass sie angesichts der Verfalldaten des Chicseins heute definitiv out sein müssen. Noch gründlicher war nur der Verfall der saarländischen Nach-der-Arbeit-trinken-Kultur.

Schwere und gefährliche Arbeit wartete auf die Berschleid, wenn sie unter Tage fuhren. Den Profit fuhren andere ein. Und trotzdem gingen nie irgendwelche revolutionäre Impulse von den saarländischen Edelproletarieren aus. Ein Hauptgrund dafür war die Kaffeekich. Sie erhob den Berschmann zum Herren - und das Bier nach der Arbeit war auch gesichert.

In der Kaffeekich gab es Brötchen, Wurst oder Marmelade - und das alles zum verbilligten Preis. Offiziell durften nur Berschleid und ihre Familien davon profitieren, aber da hielt sich niemand dran. In der Kaffeekich stand das halbe Dorf und kaufte zu den ermäßigten Preisen ein. Doch alle drei Stunden wurden sie in die Schranken verwiesen. Dann war Schichtwechsel und der Berschmann König.

In Stößen kamen sie von der Arbeit, die Kleidung weiß, die Gesichter schwarz, der Blick finster. Dass sie sich vor die anderen in der Schlange stellten, darum wurde nicht erst ein Geschiss gemacht. Das war einfach so: Wenn der Berschmann von der Arbeit kommt, haben die anderen zu warten - und das konnte lang dauern. Im Saarland waren sie ohnehin die eigentlichen Chefs. In der Kaffeekich war das klar zu sehen.

Und auch sonst war die Kaffeekich der Ort, an dem die saarländische Proletarierkultur am anschaulichsten gelebt wurde. 30 Jahre vor den After Work Partys gab es hier Worschtweck und Bier - und an Arbeitskleidung störte sich beim Feiern auch niemand. So saßen sie hier zusammen, meist auf genau ein Bier, wenigstens die Eheleut. Die Junggesellen blieben auch mal was länger.

Sein Karriere-Netzwerk hatte niemand im Auge, wenn er in der Runde sitzen blieb und aus dem einen das zweite oder dritte Bier wurde. Und trotzdem kam es vor. Waren es Familienväter, die sich fest hockten, spielten sich schon mal Dramen ab. Dann tauchten um Mitternacht Ehefrauen auf, setzten die Kinder neben den Papa, rauschten ab und erinnerten ihn so an seine Pflichten.

Es blieb kein reiner Platz für Arbeiter. Waren mittags die da, die von den billigeren Preisen profitieren wollten, kamen abends Menschen mit anderen Zielen: Gender hin und Gleichberechtigung her. Es waren andere Zeiten und Frauen, die auf der Suche waren. Nach der Ehe - würde die Kirche sagen. Wer weniger fromm ist, dem fällt anderes ein. Wobei ganz am Ende eines solchen Treffens schon auch mal Ringe getauscht wurden.

Die Nächte in der Kaffeekich waren lang: Wenn der Rollladen der Theke schon längst gefallen war, dann hielten die Letzten  durch. Auf den Kantinenbänken sitzend, das Bier aus dem Automaten ziehend - der mehr als einmal morgens leer war.

Das soziale Leben in der Kaffeekich kannte seinen Höhepunkt: Am letzten Werktag vor Silvester wurde "Die letscht Schicht" gefeiert. Der Rollladen der Theke blieb oben, das Bier floß und wer wissen will, wie die Nacht weiterging, muss sich die Orgienszene aus "Die Zehn Gebote" vorstellen - aber die moralichen Bedenken des 50er-Jahre-Kinos weglassen.

Alles hin. Mit der Bergbaukultur verschieden. Ob die After Work Partys wieder kommen, weiß kein Mensch. Dass sie nie annähernd so gut waren wie das Nach-der-Arbeit-trinken, ist klar.