Aussterbende Wörter

Worte haben ihre Zeit. Unter Begriffen, die einst Diskurse bestimmten, können wir uns heute kaum noch etwas vorstellen. Rio-ramscht.de erinnert an sie. Heute: Vaterlandsverrat.

Vergangenheitsbewältigung

Schon die Nürnberger Prozesse lieferten eine ausführliche Aufklärung der Naziherrschaft und ihrer Verbrechen. Das zusammen getragene Material füllt zwölf Taschenbuchbände – dicke Bände, eng beschrieben, mit kleiner Schriftgröße. Wer sich über Hitlers Regime informieren wollte, konnte das schon früh tun. Nur wollte kaum einer.

Der Satz der Stunde hieß: „Das muss doch alles mal vergessen werden.“ Zu hören etwa in dem Film „Das Sonntagskind“ von 1956. Hauptdarsteller Heinz Rühmann gehörte zu den Millionen Deutschen, die sich genau daran erinnerten konnten, warum es für sie vorteilhaft war, zu vergessen. Es waren heiße Debatten – öffentlich wie auch privat. Neben dem Es-muss-auch-mal-vergessen werden-Argument waren auch Wir-haben-doch-gar-nichts gewusst und Wir-konnten-doch-nichts-ändern recht populär.

Die „Vergangenheitsbewältigung“ begann mit den 60ern und zog sich bis in die 90er. Es waren meist Junge, die von den Älteren wissen wollten, was denn „damals“ so passiert sei. Das war nicht nur Neugier. Mit Anklage hatte das durchaus auch zu tun. Und angesichts der „Gnade der späten Geburt“ war es oft genug auch selbstgerecht.

Andererseits lebten die Täter noch lange nach dem Ende des Naziregimes. Und nicht nur, dass sie in Deutschland lebten, einige machten auch Karriere – bis in die höchsten deutschen Staatsämter hinein. Sodass die „Vergangenheitsbewältigung“ eben nicht nur in die Vergangenheit gerichtet war – sondern lange auch mit der Gegenwart zu tun hatte.

Das Wort „Vergangenheitsbewältigung“ geht immer mehr verloren. Zum einen, weil die Biologie sich der Altnazis annimmt. Zum anderen, weil es mittlerweile eine Aufklärung gegeben hat, die den Bereich des Juristischen und des Wissenschaftlichen verlassen und den Bereich der Populärmedien erreicht hat. Seien es Filme wie „Schindlers Liste“, Fernsehserien wie „Holocaust“ oder Dokus wie die von Guido Knopp – sie haben das Wissen um das Dritte Reich in die breite Masse getragen.

Von Niveau sei hier mal nicht die Rede. Wer sein Wissen um die Nazi-Zeit ausschließlich von Guido Knopp bezieht, kann der Meinung sein, der Zweite Weltkrieg habe mit der Bombardierung von Dresden begonnen und sei mit dem Untergang der Gustloff zu Ende gegangen.

Das Richtigzustellen ist aber keine „Vergangenheitsbewältigung“ mehr. Das lässt sich dann eher unter Aufsicht über den Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen reihen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.