Aussterbende Wörter - Schlüpfer

Schlüpfer

In Sachen Sexualität ist die deutsche Sprache ohnehin verräterisch und lässt bittere Rückschlüsse auf den Volkscharakter zu: Während die Franzosen und Englänger miteinander „Liebe machen“, gilt für die Deutschen, dass sie „miteinander schlafen“. Für heiße Aktion, verbotene Spiele und ungezügelte Lust hätte sich sicher eine andere Wortwahl aufgedrängt.

Auch im Bereich des Zubehörs sah es im Deutschen lange nicht besser aus: Da war die Rede vom „Schlüpfer“. Versagen ließ sich nur der Modebranche vorwerfen, vielleicht noch den Käufern – und wohl in der Mehrheit Käuferinnen. Doch die Germanisten dürfen stolz sein. Denn das Wort „Schlüpfer“ umschreibt allzu präzise, was die Deutschen bis weit in die 80er Jahre so unten rum trugen.

Die Farbe Weiß ist noch das Beste, was sich über diese Abtörner sagen lässt. Ihr Schnitt stellte den Versuch dar, die Anziehungskraft der sekundären Geschlechtsmerkmale in einem Panzerschrank einzusperren. Die Konsistenz des Materials trieb das Gesamtbild ins Absurde: Das Gummiband gab nach, der Stoff labberte aus, Teile davon schlackerten dem Träger in der Kniekehle.

Den Jüngeren, die sich das nicht vorstellen können, sei empfohlen, auf YouTube oder vergleichbaren Portalen nach Schulmädchenreport, Jodeln oder Eis am Stiel zu suchen. Der Anblick von Zachi Noy in eben jenen Schlüpfern bedeutet einen harten Angriff auf die Potenz – von Männern und Frauen gleichermaßen.

Wer sich über Vergangenes lustig macht, muss sich natürlich auch die Frage stellen: Wie konnte ein solches Wort einmal positiv besetzt sein? Nun, irgendwann zwischen den 60ern und 70ern stellte der Schlüpfer einen Fortschritt dar. Bis dahin verfügte Konfessions-Unterwäsche über keine Gummibänder. Diese Errungenschaft machte das Tragen bequemer und war adäquat für den Materialismus und Fortschrittsglauben jederzeit.

In den 80ern setzten sich Boxershorts durch. Der Schlüpfer überlebte. Bis heute. Nur eben das Wort nicht. Heute wird eher der englische Begriff Slip verwendet. Die vielen, die in Deutschland gegen Anglizismen kämpfen, könnten sich mokieren, wie sie es gerne tun: Ohne Not werde ein deutscher gegen einen englischen Begriff ausgetauscht, die Nutzer des englischen Begriffs wollten sich nur wichtig tun, so werde die deutsche Sprache unnötig ausgefranst.

Doch die Kritik ist unberechtigt. Denn tatsächlich hat sich ein Bedeutungswandel vollzogen, der die Wahl eines neuen Wortes rechtfertigt: Die 80er brachten den Siegeszugs des Designs mit sich. Und Slips sahen jetzt nicht mehr wie die Schlüpfer aus, die Zachi Noy in den Kniekehlen baumelten. Sie wurden bunter, eleganter, erotischer.

Alles Attribute, die nicht mit dem „Schlüpfer“ verbunden werden. Glauben Sie nicht? Machen Sie den Praxistest! Hauchen Sie Ihrem Liebsten oder Ihrer Liebsten im entscheidenden Moment ins Ohr: „Komm Schatzi, ich zieh dir den Schlüpfer aus.“ Sie werden herausfinden, ob Humor tatsächlich die Erotik fördert.