Aussterbende Wörter - Gesottenes

Gesottenes

Für das Thema Kochen interessieren sich die Deutschen heute deutlich stärker als noch vor zehn Jahren. Die wachsende Zahl der Kochshows im Fernsehen lässt diesen Schluss zumindest zu. In Folge des steigenden Interesses braucht es auch ein breit gefächertes Vokabular, um dem Themenfeld gerecht zu werden. Nichtsdestotrotz stirbt den Koch- und Essbegeisterten ein Wort unter dem Löffel weg: Gesottenes.

Umso raffinierter die Küche wird, umso weniger hat das Gesottene eine Chance. Es steht eher für das Gegenteil: für Plumpes, Geschmackloses, Liebloses – erinnert an die alte Manie der Deutschen, alles so lange zu kochen, bis der Geschmack daraus entschwunden ist. Egal, ob es sich um Fleisch oder um Gemüse handelt. Gesottenes ist wichtigster Bestand einer Bleiküche, modern ist aber Aluminium.

Im Sprachgebrauch schlägt der Trend durch. Die Homepage Duden.de verteilt bis zu fünf Balken, um zu bewerten, ob ein Wort selten oder oft gebraucht wird. Gesottenes erhält nur einen Balken.

Wie wenig verführerisch Gesottenes klingt, zeigt sich auch in den Metaphern, die aus fade gekochtem Essen entstehen. So kennt der Duden das Adjektiv „hartgesotten“ und schreibt ihm immerhin zwei von fünf Balken auf der Gebräuchlichkeitsskala zu. Wofür es aber steht, ist wieder weniger erfreulich: unbelehrbar, unzugänglich oder verstockt. Die weiter schweifenden Bedeutungen sind noch schlimmer: kalt, berechnend, nicht mehr zu beeindrucken oder für Gefühle nicht mehr empfänglich.

Da schließt sich dann wieder der Kreis zum Wortträger. Für Gefühle nicht mehr empfänglich umschreibt hübsch anschaulich, wie sich eine Zunge fühlt, über die Gesottenes den Weg in den Darm gefunden hat. So gesehen, ist es eine Schande, wenn ein Wort ausstirbt, das so vorbildlich in der Lage ist, seinen Gegenstand zu beschreiben.

Damit ergibt sich ein Dilemma. Denn nur um das Wort am Leben zu halten, sollte man der gesottenen Küche genauso wenig das Wort reden wie der hartgesottenen. Vielleicht hilft es, das Wort als Drohung in der Funktion am Leben zu halten, die einst dem „Schwarzen Mann“ inne war. Etwa in folgendem Umfeld: „Wenn du kein knackig frisches Gemüse essen willst, wird aus dir ein hartgesottenes Gesottenes, mit dem keiner was zu tun haben will.“   

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