Aussterbende Wörter - Schwarzer Mann

Der Schwarze Mann

Zugegeben. Wer den Schwarzen Mann als ausgestorbenes Wort präsentieren will, sieht sich dem Argument ausgesetzt, dass erst vor wenigen Jahren ein Film veröffentlicht wurde, der eben jenen Schwarzen Mann im Namen trägt. Andererseits war der mit Veronica Ferres und deren Spiel ist so leblos, das es niemals einen Gegenbeweis darstellt Und viel wichtiger ist: Im Sprachgebrauch verwendet niemand mehr den Schwarzen Mann.

Das war mal anders. Vor allem Eltern griffen zu dem Begriff. Er taugte vor allem, kleine Kinder unter Kontrolle zu halten. Spurte der Spross nicht, schreckten ihn die Eltern mit dem Schwarzen Mann. Wer oder was das genau sein sollte, blieb undefiniert. Das schwächte den Schrecken nicht. Im Gegenteil. Das Bild regte die Phantasie des Kindes an und in der konnte es sich ausmalen, was für es das Schlimmste hielt.

Das hat die Kinder so traumatisiert, dass sie ihre Psychose auf die Straße trugen, wo sie das Spiel entwickelten „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“. Das ging so: Ein Kind stand allen anderen gegenüber. Es stellte den Schwarzen Mann dar. Der Einzelgänger rief den Namen des Spiels, worauf der Pulk „Niemand“ antwortete. „Und wenn er kommt?“ „Dann laufen wir“, ging der Dialog zu Ende. Dann lief der Pulk auf die eine, der Einzelne auf die andere Seite. Im Vorbeilaufen musste der Schwarze Mann andere berühren, so als Co-Schwarze-Männer anwerben und mit ihnen gemeinsam die nächsten Runden bestreiten.

Liebe Jüngere: Doch, doch, dass haben Kinder tatsächlich mal gespielt. In Real time, connected und wireless. Draußen das Ganze. Im Übrigen ist Draußen das Gelände, das sich auf der anderen Seite des Zimmers findet, wo der Computer steht. Ja, tapfer bleiben. Da gibt es eine Welt.

Auf der Straße spielende Kinder gibt es kaum noch. Geschweige denn welche, die sich von einem diffusen Etwas wie dem Schwarzen Mann einschüchtern lassen würden. Wer mit sieben Jahren schon Horrorvideos im Internet gesehen hat, der entwickelt halt Hornhaut auf der Seele.   

Auch politisch korrekte Gründe gibt es, die den Schwarzen Mann heute zum Tabuwort machen. Das fängt damit an, dass ganze Pädagogikseminare in Heulkrämpfe ausbrechen würden, erführen sie, dass Eltern Kinder gefügig machen wollen, indem sie ihnen Angst einjagen. Und dann… Weiß ich auch nicht mehr.