Aussterbende Wörter - Vaterlandsverrat

Vaterlandsverrat

Wenn ein Wort zum Hashtag wird, ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass es nicht vom Aussterben bedroht ist. Eigentlich. Denn stammt es aus dem Mund eines Vertreters des Hillbillie-Flügels der CDU, dann ist es längst ausgestorben und wird lediglich als Wort-Zombie durch die Twitter-Arena getragen. Die Rede ist vom Vaterlandsverrat.

Das Wort Vaterlandsverrat wurzelt nicht aus dem 20. Jahrhundert – es wurzelt aus dem 19. Jahrhundert. Es geht auf die Gründung der Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung zurück und wurde von der reaktionären Seite als Kampfbegriff gegen eben diese verwendet. Das neue an der Arbeiterbewegung war nämlich, dass sie als erste den internationalen Gedanken aufbrachte: Die Probleme der Arbeiter sind in allen Ländern die gleichen, nur wenn die Arbeiter zusammen arbeiten, können sie sich erfolgreich gegen die Kapitalisten zur Wehr setzen.

Das war für die Reaktionäre ebenso gefährlich wie befremdlich. Denn ihre Barden schrieben seinerzeit noch ungelenkige Lieder und Gedichte über den Nationalstolz, deren Inhalt sich profan zusammenfassen ließen: Wir gut, andere doof, deshalb schlagen wir sie bald alle tot. Nur halt in Versmaß und Reimen. Die Sozialdemokraten belegten sie daher mit dem Begriff der Vaterlandsverräter.

Ein Wort stirbt aus, wenn die Anlässe wegfallen, in denen es benutzt wird. Im Fall des Vaterlandsverrats ist dies in vielerlei Sicht der Fall. Keine Angst, jetzt kommt nicht diese Europa-Sülze, mit der uns Broschüren gerne voll texten, so mit abgeschaffener Grenzen und internationaler Zusammenarbeit und so. Ne, weißte selbst.

Der eigentliche Effekt setzte schon viel früher ein: Die Arbeiterbewegung hat den internationalen Gedanken noch sehr lange als Standarte vor sich hergetragen, faktisch aber die Taktik grundsätzlich geändert: Statt international das Leben der Arbeiter bessern zu wollen, genügte es den Vertretern, die Situation im eigenen Land zu verbessern – gerne auch auf Kosten der Arbeiter anderer Länder. Kriege und Ausbeutung der „Dritten Welt“ waren Folgen davon. Statt „Vaterlandsverrat“ gab es also den nationalen Schulterschluss zwischen Arbeitern und Kapitalisten.

Die Zerstörungskräfte jener Kriege sorgten dann obendrein dafür, dass das Aufteilen der Welt in Nationalstolze und Vaterlandsverräter in seiner Hippness downgegraded worden ist. Die Konfliktlinie verlief dann bis 1989 eher zwischen Kapitalismusbefürwortern und „Kommunisten“, denen hierzulande gerne der Rat gegeben wurde: „Dann geh doch nach drüben!“

Jetzt hat also Peter Tauber den Vaterlandsverrat wiederbelebt, indem er die deutschen Sozialdemokraten so bezeichnet hat. Warum? Weil diese über den Fiskalpakt reden wollen. Das lässt jetzt zwei Schlüsse zu: Entweder gibt es tatsächlich ein Comeback der Konfliktlinie zwischen Arbeitern und Kapitalisten. Oder der Netzpolitische Sprecher der Bundestags-CDU ist in der Wortwahl „Vaterlandsverrat“ einfach nur in der Postmoderne angelangt, in der die Begriffe losgelöst von ihrer Herkunft behandelt und gedankenlos verwendet werden. Wir werden sehen.