Gottesurteile der Analysten

Die Berichterstattung über den Prozess gegen Standard & Poor‘s fällt angesichts der Bedeutung des Themas mager aus. Das liegt auch an der mangelnden Bereitschaft von Medienvertretern, ihre eigene Arbeit kritisch zu sehen. Denn als es drauf ankam, stellten Journalisten die Arbeit von Ratingagenturen nur unzureichend in Frage.

Wer mit scharfen Augen auf den politischen Barometer schaut, der wäre von einer anstehenden Wirtschaftskrise nur wenig überrascht. Angesichts globaler Zusammenhänge wäre die Erweiterung „WELTwirtschaftskrise“ schon ein Pleonasmus. Und da die jüngste noch gar nicht allzu lange her ist, wissen wir allzu gut, von welchen Auswirkungen wir sprechen: Sparhaushalte, das Streichen sozialer Leistungen und daraus resultierende gesellschaftliche Unruhen inklusive dem Zusammenbruch ganzer Regierungen.

Vor diesem Hintergrund möchte man meinen, dass ein Prozess die Schlagzeilen bestimmen müsste, wie der, der gerade in den USA gegen die Ratingagentur Standard & Poor‘s geführt wird. Zumal wir uns gut erinnern können, wie wenig die Analysten noch vor kurzem tun mussten, um Headschlagzeile zu werden – etwa ankündigen, einer Teilrepublik der Europäischen Union die ideale Bonitätswertung AAA eventuell wegzunehmen.

Drei Ratingagenturen gibt es, eine davon ist Standard & Poor’s. Sollte die Anklage recht behalten, hieße das nichts anderes als: Die Analysen von S&P waren vor allem von Profitinteressen der Anlieger motiviert. Und folglich hätte sich die Politik der Europäischen Union über Jahre zu einem Drittel an betrügerischen Analysen ausgerichtet. Eigentlich sollte einem das erneut Aufmacher wert sein. Zumal Restzweifel ob der reinen Objektivität der anderen Analysten sich nur schwer verscheuchen lassen.

Eine große Berichterstattung bleibt aber aus. Der Prozess gegen S&P ist bestenfalls dritte oder vierte Meldung, wenn er nicht gar in die Wirtschaft abwandert – dem in der Regel am wenigsten gelesenen oder beachteten Ressort. Die übliche Wurstigkeit gegenüber komplexen Themen dürfte kaum der einzige Grund für die geringe Beachtung sein. Denn als Ratingagenturen noch nicht angezweifelt wurden, schafften sie es auch auf die Top-Positionen der Nachrichten.

Und genau darin dürfte eher der Grund liegen, warum der S&P-Prozess nicht den Wert zugemessen bekommt, den er verdient hätte. Denn in der Finanzkrise hat es an kritischer Berichterstattung gemangelt. Kaum ein Bericht, in dem vorgestellt wurde, wer eigentlich hinter Ratingagenturen steckt, wer deren Urteile bezahlt und wer dann davon profitiert. Und noch weniger Berichte, in denen besagte Urteile angezweifelt wurden.

Das Unwort jener Tage war „alternativlos“. Dahinter steckte die Idee, es könne jeweils nur eine Entscheidung geben, die der Wirtschaft gut tue und folglich komme nur eben diese eine Entscheidung in Frage. Dass Demokratie die Möglichkeit zur freien Entscheidung bedeutet und folglich „alternativlose“ Politik die Demokratie aushebelt, bemerkten nur wenige. Andere wie die Bundeskanzlerin begrüßten es und forderten dies auch als „marktkonforme Demokratie“.

Die vierte Kraft, deren vornehmste Aufgabe ist, Mächtigen auf die Finger zu schauen und Fehlentwicklungen anzumahnen, versagte in diesem Bereich all zu oft. Als der damalige griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou die Menschen über den rigiden Sparkurs abstimmen lassen wollte, reagierten die deutschen Medien mit Entsetzen. Das ZDF attestierte wörtlich, die Demokratie habe Grenzen. Ein Einzelfall, den wir auf dieser Seite pars pro toto vorgestellt haben.

Wenn Journalisten kritisch über die Finanzmärkte und ihre Akteure berichten wollen, müssen sie auch ihre unkritische Verstärkerrolle in der Finanzkrise thematisieren. Rating-Analysen den Wert von Gottesurteilen zukommen zu lassen, war ein Kardinalfehler der Politik – allerdings einer, den die Medien konsequent nachgeahmt haben.