Objektive Wahrheiten

In der Währungskrise wurde der Ruf laut, Politiker durch Experten zu ersetzen. Dadurch würde das Handeln der Staaten objektiver und die Welt letztlich besser. Nur machen Experten auch Fehler, wie jetzt die nicht wenig entscheidenden Vertreter des Internationalen Währungsfonds eingeräumt haben.

Eins vorweg: Fehler einzugestehen ist löblich und immer noch besser als sie zu ignorieren und stur an der eigenen Unfehlbarkeit festzuhalten. Dies sollte einen etwas milder stimmen, wenn in einem Papier des Internationalen Währungsfonds (IWF) die Erkenntnis auftaucht, man hätte nicht vorhergesehen, dass eine rigide Sparpolitik in Griechenland zu Rekord-Rezession und zu enormer Arbeitslosigkeit führe. Auch milde gestimmt mag man die IWF-Experten trotzdem immer noch fragen: Was macht Ihr eigentlich beruflich?

Solch kritischen Fragen sahen sich die Experten des IWF auf dem (medialen) Höhepunkt der Währungskrise nicht ausgesetzt. Im Gegenteil. Da wurden Heilserwartungen in sie projiziert. In Griechenland und Italien wurden zumindest zeitweise demokratische Regierungen durch Expertengremien ersetzt. Und der journalistische Mainstream stellte die Frage, ob Expertengremien nicht ohnehin sinnvoller als politische Regierungen seien.

Im Haupttext vermittelten sie den Eindruck, es gebe eine objektive Wahrheit und daraus ließe sich nur eine richtige objektive Handlung ableiten. Experten würden diese objektive Wahrheit kennen und umsetzen. Politiker hingegen bliebe sie verschlossen. Die Kanzlerin unterstützte diesen Trend mit der Beschreibung „alternativlos“ und formulierte das Ziel der „marktkonformen Demokratie“.

Der Subtext ging weiter. Der sagte aus: Und selbst wenn Politiker die objektive Wahrheit kennen würden, würden sie diese nicht zwingend umsetzen. Um Wahlen zu gewinnen, seien sie im Stande, die objektive Wahrheit zu ignorieren und anderes, vielleicht sogar das Gegenteil, zu tun, nur um Wahlen zu gewinnen, was wiederum letztlich ein egoistisches Motiv ist: Denn eigentlich gehe es ihnen doch darum, ihr Leben mit goldenen Wasserhähnen und in den Mund fliegenden gebratenen Tauben abzusichern.

Eine objektive Wahrheit gibt es nicht. Zumindest ist eine Experten-Überzeugung auch nicht mehr als eine Meinung. Auf jeden Experten kommt ein anderer, der es anders sieht. Und selbst wenn sich alle einig sind, können sie am Ende immer noch einfach danebenliegen.

Und objektiv sind sie schon mal grad gar nicht. Thilo Sarrazin ist zum Beispiel ein Experte. Als solcher war er durchaus mancher Orts geschätzt. Doch ist Thilo Sarrazin frei von Vorurteilen? Frei von egoistischen Motiven wie Geltungsbedürfnis und Gewinnstreben? Das bliebe noch zu beweisen. Aber tendenziell eher nein.

Jetzt sind Politiker natürlich weit entfernt davon, unfehlbar zu sein. Selbst in einer Partei kann die Bandbreite an Charakteren enorm sein. Nehmen wir die FDP. Die hat große, starke und einflussreiche Persönlichkeiten wie Hans-Dietrich Genscher oder Hildegard Hamm-Brücher hervor gebracht – aber eben auch Philipp Rösler oder Erich Mende.

Das Gute an Politikern ist: Man kann sie abwählen. Der Prozess der Selbstreinigung mag anstrengend und langwierig sein, auf Dauer funktioniert es aber. Und wiedergewählt werden zu wollen, ist kein rein egoistisches Motiv. Gravierende Einschnitte in die Gesellschaft müssen mehrheitsfähig sein.

Auch ein Sparkurs ist nicht alternativlos. Es gibt sehr gute Argumente für ihn auf der einen Seite und auf der anderen Seite steht, dass er anstrengend ist. Vergleichbar ist Sparen mit Abnehmen. Wer massiv Übergewicht hat, sollte das tun – etwa durch Sport treiben. Aber dabei muss er in den Körper hören und sich gut fragen: Wie viel Sport vertrag ich? Macht er das nicht, drohen Herzinfarkte oder anderes. Ähnlich ist es mit Sparkursen. Die können eine Nation auch überfordern, wie der IWF jetzt in Griechenland lernen musste.

Politiker vertreten den Volkswillen nicht immer gut. Aber sie vertreten ihn. Und bevor wir den Volkswillen gegen Marktkonformität tauschen oder ihn dadurch einschränken, Frau Merkel, sollten wir schon noch mal drüber reden. Wär schön, wenn das Gespräch auch in den Medien laufen würde.