Es darf gelacht werden

Das Grundgesetz schützt die Würde des Glaubens. In den 50er Jahren wurde der Artikel so strikt ausgelegt, dass Witze darüber ein Verbrechen sein konnten. So krass ist das längst nicht mehr. Aber die Frage, wo der Spaß aufhört und der Schutz von Minderheiten anfängt, ist aktueller denn je.

Die Grundfrage lautet: Darf man Witze über Glauben machen? Um diese beantworten zu können, ist erst einmal eine Gegenfrage notwendig: Was ist denn mit Glauben gemeint? Denn eigentlich müssen zwei Dinge unterschieden sein: der gefühlte Glauben und der erörterte. Was ist damit gemeint?

Erleuchtung
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Gefühlter Glaube liegt etwa dann vor, wenn sich ein Todkranker verzweifelt an Gott oder an eine höhere Macht wendet. Wenn ein Überglücklicher seinen Dank teilen will. Wenn ein Beschuldigter einen Schwur bekräftigen will, um Glaubwürdigkeit zurückzuerhalten. Oder wenn ein Paar eine Instanz sucht, vor der es wirklich deutlich machen kann, wie ernst das Für-Immer-Zusammenbleiben gemeint ist.

Darf man über diesen gefühlten Glauben Witze machen. Analog gilt hier der Grundsatz, den Harald Schmidt für Witze über die Nazizeit aufgestellt hat: „Ja, darf man – aber sie müssen gut sein.“ Und wer sich nicht wirklich sicher ist, ob ein Scherz diese Hürde nimmt, der sollte es besser bleiben lassen. Denn mal ehrlich: Wenn ein Todkranker nach Hilfe sucht, gibt es vieles, was sich anbietet: Ihm die Hand auf die Schulter legen, ihn umarmen, ihm zusprechen, besser noch ihm zuhören oder auch einfach nur bei ihm bleiben. Witze über ihn zu machen, gehört nicht dazu.

Dann gibt es aber noch den erörterten Glauben: Der liegt vor, wenn sich jemand äußert oder noch besser schriftlich festlegt, wie geglaubt werden soll und was die Grundlage dafür ist.

Ein Fallbeispiel: Einer behauptet, wenn sich jemand für Gott töten lässt, kommt er in den Himmel und wird dort mit 40 Jungfrauen belohnt. Das ist schon lustig. Zur Groteske steigert es sich, wenn ein anderer kommt und sagt: „Nein, es sind 70 Jungfrauen.“ Lachen muss jeder vernünftige Mensch, wenn die beiden anfangen sich zu streiten. Von Spaß in Ernst schlägt es um, wenn darüber ein Krieg ausbricht.

Was sagt uns das Beispiel? Wenn der Glaube die Gefühlsebene verlässt und mit menschlichem Verstand vermessen wird, dann schlägt er um und dann ist Lachen erlaubt: Fängt also wer an über Engel zu schreiben, ihre Herkunft zu erklären und ihre Biographien festzulegen. Will jemand aus 2000 Jahre alten Pergamentrollen ableiten, wie wir heute mit homosexuellen Paaren umgehen sollten, die ein Kind adoptieren wollen. Oder wenn jemand meint, die Aufnahmeregeln für ein Paradies zu kennen – dann, ja dann ist Lachen erlaubt.

Und mehr noch. Dann kann Lachen sogar Bürgerpflicht sein. In den letzten 5000 Jahren ist es eher weniger geglückt, Menschen davon abzuhalten, sich gegenseitig den Schädel einzuschlagen. Trotzdem sollten wir die Latte so hoch wie möglich legen. Wer also über die Zahl der Jungfrauen im Himmel streiten will, der sollte ausgelacht werden. Unterlassen wir das, stehen wir am Ende mit dem Gewehr in der Hand da und erschießen jemanden, nur weil er sagt, es seien nur 40 Jungfrauen.