Als Hollywood Washington misstraute

Hollywood gilt allgemein als konservativ. Aus gutem Grund. In den Weltkriegen oder der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus wirkte die kalifornische Filmproduktion staatstragend. In den 70er Jahren war das anders. Da galt Systemkritik auch im Blockbuster-Kino als chic.

Die Höllenfahrt der Poseidon war die Titanic der 70er Jahre – teuer, mit Stars besetzt, technisch auf der Höhe der Zeit und erfolgreich an der Kinokasse. In Folge eines Seebebens kentert das Passagierschiff Poseidon vor Griechenland und treibt nun Kiel oben im Mittelmeer. Die Gesellschaft ist unter Wasser im großen Saal eingesperrt, in dem sie Silvester gefeiert hat. Unter Leitung eines progressiven Pfarrers (Gene Hackmann) macht sich ein Teil auf, sich nach oben zur Schiffsschraube vorzuarbeiten, wo der Stahl am dünnsten und Rettung am wahrscheinlichsten ist.

Im Gedächtnis bleibt Die Höllenfahrt der Poseidon wegen ihres Sets – das auf dem Kopf stehende Schiff. Toiletten hängen an der Decke, Kronleuchter werden zu Todesfallen und Türöffner hängen unerreichbar im Raum. 2006 verfilmte Wolfgang Petersen den Klassiker neu. Und floppte. Nicht zuletzt, weil er wegkürzte, was Die Höllenfahrt der Poseidon 1972 in den Zeitgeist passen ließ: Systemkritik.

Die Poseidon ist im Original ein altes Schiff auf dem Weg zur Abwrackung. Trotzdem verbietet die Reederei dem Kapitän (Leslie Nilsen) Ballast aufzunehmen und das Tempo zu drosseln, was das Kentern letztlich begünstigt. Nach der Katastrophe spricht der Zahlmeister, um das Kommando nicht zu verlieren, gegen die Idee Hackmanns, sodass dem Pfarrer nur neun Passagiere folgen und der Rest in den sicheren Tod geht. Egoistisches Gewinnstreben, verborgene Interessen und Machtmissbrauch werden in Frage gestellt.

Im Hollywood der 70er Jahre waren das große Themen. So reißt 1976 vor der Küste des Seebades Amity ein Weißer Hai Schwimmer in den Tod. Scheriff Martin Brody (Roy Scheider) will die Küste daher sperren, doch der Bürgermeister unterläuft diesen Plan, weil er vorm Nationalfeiertag keine Touristen verschrecken will. Weitere Tote sind die Folge. Brody macht sich selbst mit dem Veteranen Quint (Robert Shaw) und dem Biologen Hopper (Richard Dreyfuss) auf die Jagd nach dem Hai.

Auch das ein beliebtes Motiv des Hollywood-Kinos der 70er: Weil das System versagt, muss sich der Einzelne auf den Weg machen, um die Dinge zu regeln. In Erdbeben (1974) ist das Charlton Heston. Er bergt Verschüttete. Eine Evakuierung Los Angeles war zuvor ausgeblieben, weil die Obrigkeit die Warnungen eines jungen Seismologen in den Wind schlug, um keine Panik aufkommen zu lassen.

Die Staatskritik in Filmen der 70er Jahre korrespondierte mit gesellschaftlichen Erfahrungen der USA: Der Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit ebbte ab, der Streit mit den arabischen Ländern verteuerte Öl und Benzin und führte zu ersten Krisen am Arbeitsmarkt. Das Vertrauen in die Politik war erschüttert. Präsident Nixon musste in Washington zurücktreten, nachdem sich herausstellte, dass er das illegale Ausspionieren der Demokraten in Auftrag gegeben hatte. Untersuchungsausschüsse brachten Gesetzes- und Verfassungsbrüche von CIA und FBI ans Licht. In Vietnam erlebte die Weltmacht ihre größte militärische Niederlage. Zwischen Kriegsbefürwortern und Gegnern rissen tiefe gesellschaftliche Gräben auf.

Es ist denn auch ein Vietnamfilm, der als Grenzstein zwischen den systemkritischen 70ern und den wieder konservativ und staatstragenden 80ern steht: Rambo. In dem 1982 gedrehten Actionfilm ist John Rambo ein Kriegsheimkehrer, der von der amerikanischen Gesellschaft ausgestoßen wird. Mit den Kriegsverlierern wollen weder Konservative noch Liberale was zu tun haben. Als der ausgebildete Einzelkämpfer Rambo von der Polizei drangsaliert wird, dreht er durch, bricht aus, flüchtet in die Wildnis und massakriert dort dutzendweise die ihn jagende Obrigkeit.

Rambo ist eine Kritik an dem Umgang mit den Vietnamveteranen und eine Anklage gegen die Rohheit des Krieges, die Menschen zu Mordmaschinen macht. Der Film wird zum Welterfolg. Doch in den Sequels kehrt Hauptdarsteller Sylvester Stallone Rambo ins Gegenteil um. Aus dem psychisch lädierten Kriegsheimkehrer wird wieder die gut funktionierende Kampfmaschine, die im Alleingang den Vietkong und einen Teil später die Sowjets in Afghanistan besiegt. In Film festgehaltene Phantasien der USA, die in den 80ern unter Präsident Ronald Reagan wieder an (oft überzogenem) Selbstvertrauen gewann. Für die Super-Action-Hero-Filme der 80er stand Rambo symbolisch.